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	<title>the human factor ROLAND ZAG</title>
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	<description>Neues deutsches und Internationales Kino</description>
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		<title>DIE LIEBE DER KINDER</title>
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		<pubDate>Tue, 31 Aug 2010 07:28:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>roland</dc:creator>
				<category><![CDATA[Deutschsprachiges Kino]]></category>

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		<description><![CDATA[DIE LIEBE DER KINDER
Buch und Regie: Franz Müller

Der Titel des Films scheint Programm. Denn bevor sich ihre beiden Kinder der Protagonisten ineinander verlieben, passiert zwischen ROLAND (Alex Brendemühl) und MAREN (Marie-Lou Sellem) nicht allzu viel. Zwar wird der Wunsch nach Zugehörigkeit deutlich; auch das feine Gefälle zwischen der intellektuellen Maren und dem viel bodenständigeren Roland [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;"><strong>DIE LIEBE DER KINDER</strong></p>
<p style="text-align: center;"><strong>Buch und Regie: Franz Müller</strong></p>
<p style="text-align: center;">
<p style="text-align: left; ">Der Titel des Films scheint Programm. Denn bevor sich ihre beiden Kinder der Protagonisten ineinander verlieben, passiert zwischen ROLAND (Alex Brendemühl) und MAREN (Marie-Lou Sellem) nicht allzu viel. Zwar wird der Wunsch nach Zugehörigkeit deutlich; auch das feine Gefälle zwischen der intellektuellen Maren und dem viel bodenständigeren Roland vermittelt sich. Aber ein echtes soziales Ungleichgewicht, ein Unrecht, das mit Schuld beladen wäre, besteht lange Zeit nicht, daher auch wenig Spannung.</p>
<p style="text-align: left; "><span style="font-size: 13.3333px;">Das ändert sich, als die Teenies MIRA (Katharina Derr) und DANIEL (Tim Hoffmann) sich verlieben und sogar beschließen, zu heiraten und in die Ukraine zu ziehen. Jetzt steht der Haussegen Kopf, denn Roland und Maren haben ganz unterschiedliche Vorstellungen davon, wie sie mit dieser Situation umgehen. Wird der Liebe von Erwachsenen etwas genommen, wenn sich die Kinder auch zusammentun? Ist es dem Partner vorzuwerfen, wenn er diese Liebe in der zweiten Generation duldet? Diese Frage ist spannend. Sie wird aber nur teilweise konsequent verfolgt.</span></p>
<p style="text-align: left; ">Dennoch: in dieser Konstellation findet &#8220;Die Liebe der Kinder&#8221; zwischenzeitlich interessante Möglichkeiten zum Austausch. Die soziale Vernetzung zumindest der Erwachsenen ist hoch &#8211; da gibt es jede Menge Freunde, Arbeitskollegen, Verwandte. Daher erlebt man die Figuren als differenziert und gut abschattiert. Insofern sind die Voraussetzungen sehr gut.</p>
<p style="text-align: left; ">Doch viele Möglichkeiten zur sozialen Intensivierung, die eigentlich in der Luft liegen, werden erzählerisch nicht wirklich genutzt. Dass Vater und Sohn über die Ebene der Musik einen Austausch haben, der jetzt weg bricht, wird nur in einer einzigen Szene deutlich. Dass Roland versucht, musikalisch Anschluss an die gebildete Welt seiner Geliebten zu finden, bleibt Episode. Die sehr reizvolle Wendung, dass Tim Zeichnungen für die entstehende Biografie von Maren anfertigt, findet keine Fortsetzung (man erfährt nicht einmal, ob und wie das Buch am Markt erscheint). Das politische Engagement von Mira ist eher zu erahnen als konkret zu greifen.</p>
<p style="text-align: left; ">Dabei wäre doch vor allem zwischen Maren und Roland  über die Liebe zu Biologie und Pflanzen viel Austausch möglich. Doch all das passiert nicht. Allenthalben entzieht der Film die reich entwickelten Möglichkeiten dem Publikum wieder. Die Möglichkeiten tauchen auf und verschwinden wieder.</p>
<p style="text-align: left; ">So herrscht dann doch zwischen den Figuren unterm Strich eher der Dissens vor, das Missverständnis, der Nicht-Austausch. &#8220;Irgendwas fehlt immer&#8221;, sagt Roland. Das ist im Prinzip vielleicht richtig. Doch das Überwinden der sozialen Differenzen ist emotional intensiver und ergiebiger als das Zeigen der haarfeinen Verfehlungen.</p>
<p style="text-align: left; "><span style="font-size: 13.3333px; ">Entsprechend dauert es sehr lang, bis  Momente echten Gefühls möglich werden &#8211; etwa wenn Daniel gegen alle Vernunft wirklich in die Ukraine fliegt, auch wenn ihn Mira schon wieder verlassen hat. Dieser Moment des Abschieds lässt uns etwas von der Gefühlswelt der Erwachsenen erahnen &#8211; viel mehr als Marens etwas hilflose Versuche, mit anderen Männern zu schlafen (obwohl ihr doch angeblich der Sex mit Roland gut gefällt). Am Ende kulminiert der Klimax doch in einer konventionellen Eifersuchts-Szene, die eigentlich mit der Liebe der Kinder nichts oder nur indirekt zu tun hat. </span></p>
<p style="text-align: left; ">Somit lässt sich dem Film &#8220;Die Liebe der Kinder&#8221;  kaum emotionale Unlogik oder ärgerliche  Verletzung der sozialen Prinzipien vorwerfen. Aber die extrem zurückgenommene optische Gestaltung (samt Musik), die nie so recht Tempo aufnimmt, wird durch die emotional auch eher in limitierten Bahnen verlaufende Erzählung nicht gerade aufgeheizt.</p>
<p style="text-align: left; ">Und angesichts der völlig fehlenden äußeren Faktoren führt dies leider dazu, dass sich eine konkrete Markteinschätzung fast erübrigt: &#8220;Die Liebe der Kinder&#8221; dürfte sich in der gegenwärtigen Marktlandschaft und in der sehr limitierten Auswertung bei Werten unter 5.000 Zuschauern bewegen. Was angesichts der Möglichkeiten und Qualitäten schade ist, aber im momentanen Marktumfeld einfach kaum anders zu erwarten .</p>
<p style="text-align: left; "><span style="font-size: 13.3333px; ">München, 31.8.2010 </span></p>
<p style="text-align: left; "><span style="font-size: 13.3333px; "> Roland Zag</span></p>
<p style="text-align: left; ">
<p style="text-align: left; ">
<p style="text-align: left; ">
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		<title>DAS LEBEN IST ZU LANG</title>
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		<pubDate>Fri, 27 Aug 2010 14:19:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>roland</dc:creator>
				<category><![CDATA[Deutschsprachiges Kino]]></category>

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		<description><![CDATA[DAS LEBEN IST ZU LANG
BUCH UND REGIE: DANI LEVY
In einem Film, wo der Hauptdarsteller sich das Leben zu nehmen versucht, mag die Behauptung, dass es um nicht viel geht, erstaunen. In &#8220;Das Leben ist zu lang&#8221; ist das trotzdem so: hier begeht ALFIE (Markus Hering) am Höhepunkt der Handlung einen Selbstmordversuch. Und doch ist die [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;"><strong>DAS LEBEN IST ZU LANG</strong></p>
<p style="text-align: center;"><strong>BUCH UND REGIE: DANI LEVY</strong></p>
<p style="text-align: left;">In einem Film, wo der Hauptdarsteller sich das Leben zu nehmen versucht, mag die Behauptung, dass es um nicht viel geht, erstaunen. In &#8220;Das Leben ist zu lang&#8221; ist das trotzdem so: hier begeht ALFIE (Markus Hering) am Höhepunkt der Handlung einen Selbstmordversuch. Und doch ist die Fallhöhe der Story gering. Warum?</p>
<p style="text-align: left;">Der Vergleich mit &#8220;Fellinis Achteinhalb&#8221;, einem ähnlich ums Filmgeschäft kreisenden Klassiker, liegt nahe. Auch dort gab es einen zwischen Hybris und Selbstmitleid schwankenden Filmregisseur. Doch Guido Anselmis Problem in &#8220;Fellinis Achteinhalb&#8221; hängt mit der sozialen Relevanz zusammen. Die Dreharbeiten zu seinem neuen Film haben schon begonnen. Allenthalben sieht man Heerscharen von Schauspielern, Dekorateuren und Finanziers, die eine gewaltige Maschinerie in Gang setzen, während der Filmemacher in der Krise sitzt. Anselmi wird buchstäblich vom sozialen Druck der vielen Menschen, die von ihm abhängig sind, überrollt. Seine Krise ist eine echte soziale Not, an deren Ende der Selbstmordversuch plausibel ist.</p>
<p>Ganz anders Alfie in &#8220;Das Leben ist zu lang&#8221;. Ob sein Film &#8220;Mo-Haha-med&#8221; nun gedreht wird oder nicht – es scheint niemanden wirklich zu interessieren. Mit der Zeit nicht einmal mehr Alfie selbst. Daher gerät die äußere Zielsetzung aus den Augen. Unbedeutend ist auch seine finanzielle Schieflage (er hat alles Geld, noch dazu das seiner Mutter, verloren – das vergisst man aber schnell wieder). Selbst die &#8220;Wahrheits-Globuli&#8221;, die er seiner Umwelt verabreicht, führen nicht zu wesentlichen Konsequenzen.</p>
<p>Doch auch die innere Problematik Alfies, also seine innere Wandlungsfähigkeit ist kaum zu erkennen. Dies liegt wohl daran, dass er aus sich heraus gar keine Bindungen hat oder anstrebt. Sieht man einmal von der Tochter ab, scheint ihm an niemandem etwas zu liegen: die zerrüttete Ehe zu bringt nicht ER, sondern HELENA (Meret Becker) wieder ins Reine. Die sexuelle Begierde der russischen Schauspielerin NATALIA (Veronika Ferres) bringt nicht er zum Lodern, sondern sie. Und die erotische Zuneigung durch die Schauspielerin CARO (Yvonnve Catterfield) trifft bei ihm auf Passivität. Auch hier spricht der Vergleich mit &#8220;Fellinis Achteinhalb&#8221; Bände: Guido ist zwar notorisch untreu – aber er kämpft verbissen um seine vielen Frauen.</p>
<p>Alfies Selbstmordversuch ist also ein Akt des Selbstmitleids, aber nicht der echten Not. Daher ist die Fallhöhe doch gering.</p>
<p>Und  was nach diesem Klimax passiert, verringert die Relevanz nochmals beträchtlich. Denn wie durch ein Wunder und ohne Alfies eigenes Zutun gerät nun alles wieder ins Lot: der Film wird doch noch gedreht (warum?), der eigentlich erfolglose Regisseur erhält einen Preis für sein Lebenswerk, die Ehe wird gerettet und alle scheinen glücklich. Alfie selbst hat aber gar nicht zu dieser Wendung beigetragen. Seine Rettung ist dem &#8220;Deus ex Machina&#8221; zu verdanken. Dass er etwas gelernt hätte oder gereift wäre (wie etwa Guido Anselmi, der lernen musste, loszulassen), kann man nicht sagen.</p>
<p>Und die kurzen Abschweifungen in Richtung &#8220;Truman Show&#8221; (Alfie glaubt, die Marionette eines Regisseurs zu sein) führen eigentlich auch wieder nirgendwo hin. Man vergisst das alles wieder.</p>
<p>Egal, wie man nun für sich persönlich das Staraufgebot des Films nun bewertet, die Dialoge einschätzt oder sich von Musik, Setting und Atmosphäre positiv oder negativ beeinflussen lässt: &#8220;Das Leben ist zu lang&#8221; dürfte aus den oben genannten Gründen bei niemandem allzu große innere Eindrücke hinterlassen. Den Film mag man intelligent finden oder altmodisch, sympathisch oder narzistisch. Emotional dürfte er die wenigsten wirklich tief berühren (noch deutlich weniger als z.B. der erst kürzlich herausgebrachte, sehr vergleichbare &#8220;Whisky mit Wodka&#8221;) .</p>
<p>Damit ist aber erfahrungsgemäß mit einer erheblichen Weiterempfehlungsrate nicht zu rechnen. Der Film wird weitgehend von seinen äußeren Faktoren leben müssen.</p>
<p><em>Dramaturgische Einschätzung: Roland Zag</em></p>
<p><strong>MARKTEINSCHÄTZUNG:</strong></p>
<p>Von außen betrachtet ist der Film des Erfolgsregisseurs („Alles auf Zucker“ 2005 mit mehr als 1 Mio. Zuschauer) für den deutschen Kinomarkt als sehr zugkräftig einzuschätzen. Das Staraufgebot reicht von populären nationalen Schauspielern (Veronica Ferres, Heino Ferch, Elke Sommer, Meret Becker, Justus von Dohnanyi) über internationale Darsteller (Gottfried John, Udo Kier) bis zu einem beliebten TV-Komiker wie Kurt Krömer. Aber auch das tolle Ensemble von „Das letzte Schweigen“ hat gerade erst gezeigt, dass es auf mehr ankommt, wenn die zentralen Alleinstellungsmerkmale fehlen. Es müssen dann, wie auch in diesem Fall, mehrere Faktoren günstig zusammen spielen.</p>
<p>Aus sich heraus überzeugt der Film in der Umsetzung zwar durch starke Bilder und gute Dialoge, aber im Gegensatz zum Plakat, das an „Vertigo“ erinnert, fehlen Suspense und Spannung weitgehend. Auch mit weiteren sinnlichen Reizen wird eher gegeizt. Insofern ist der Erlebniswert des Films wie der human factor, bei allen kleinen Feinheiten und Schauwerten, eher gering und wenig nachhaltig einzuschätzen.</p>
<p>Dennoch gibt es ein beträchtliches Bedürfnis nach guter Unterhaltung in dieser Art bei verschiedensten Publikumsschichten („Alles auf Zucker“ hat das gezeigt) in Arthäusern wie auch Einzelhäusern oder Mainstreamkinos. Erfolgreiche Komödien kann es so gesehen auch in einem enger werdenden Marktumfeld nicht genug geben. Aber es scheint sehr schwer für „Das Leben ist zu lang“ zu werden, aus sich heraus überzeugend diesen Eindruck zu erwecken und schnell genug mit fast 170 Kopien ausreichende Zahlen zu erzielen. Vielmehr ist davon auszugehen, dass vor allem wieder das entscheidende weibliche Publikum dem selbstmitleidigen Alfie die notwendige Unterstützung versagt und der neue Film von Dani Levy schlussendlich nur zwischen 120.000 und 150.000 erreicht. Nur wenn der grundsätzliche Publikumswunsch nach anspruchsvollen Komödien und dem beliebten Starensemble bei der Konkurrenz unbefriedigt bleibt und das Wetter Deutschlandweit kinofreundlicher wird, können es nach unserer Einschätzung auch bis zu 200.000 werden.</p>
<p><em>Markteinschätzung: Norbert Maass</em></p>
<p>Berlin/München 27.08.2010</p>
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		<title>DAS LETZTE SCHWEIGEN</title>
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		<pubDate>Tue, 17 Aug 2010 17:45:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>roland</dc:creator>
				<category><![CDATA[Deutschsprachiges Kino]]></category>

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		<description><![CDATA[DAS LETZE SCHWEIGEN
Buch und Regie: Boran Bo Odar
Das Krimi-Genre ist in Deutschland durch das Fernsehen zu einer Hochblüte gediehen. Die besten Leute der Branche sorgen dafür, dass ein hervorragender Standard gehalten wird. Allerdings folgt dieser Standard relativ vorhersehbaren Mustern mit klaren Regeln und klaren Verboten.
Ein Kinofilm im Krimigenre muss es schaffen, gegen diese schwere Konkurrenz [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;"><strong>DAS LETZE SCHWEIGEN</strong></p>
<p align="center"><strong>Buch und Regie: Boran Bo Odar</strong></p>
<p>Das Krimi-Genre ist in Deutschland durch das Fernsehen zu einer Hochblüte gediehen. Die besten Leute der Branche sorgen dafür, dass ein hervorragender Standard gehalten wird. Allerdings folgt dieser Standard relativ vorhersehbaren Mustern mit klaren Regeln und klaren Verboten.</p>
<p>Ein Kinofilm im Krimigenre muss es schaffen, gegen diese schwere Konkurrenz weitgehend andere, alternative Angebote zu machen. &#8220;Das letzte Schweigen&#8221; geht in dieser Richtung schon recht weit. Zum Beispiel leistet sich das Drehbuch einen offenen Schluss, bei dem der Täter nicht gefasst wird, wodurch die  Wunscherfüllung des Zuschauers nicht eintritt (was im Fernsehen schwer vorstellbar ist). Dem Alleinstellungsmerkmal des Films hilft dieses Vorgehen. Und erfolgreiche Filme wie &#8220;Das weiße Band&#8221;, &#8220;Mystic River&#8221; oder &#8220;Match Point&#8221; haben gezeigt, dass eine solche Erzähltechnik ohne Wunscherfüllung am Schluss im Kino gut funktionieren kann &#8211; wenn es nur genügend andere Reize gibt. Allein das Eingeständnis, dass manche Morde einfach nicht aufgeklärt werden können, gehört zu den unbequemen Wahrheiten, denen wir uns stellen müssen. Das Kino ist durchaus ein Ort, um dieser Tatsache ins Auge zu sehen.</p>
<p>Doch auch in der Umsetzung liefert &#8220;Das letzte Schweigen&#8221; visuell und inszenatorisch eine Menge, was den Film von den TV-Standards unterscheidet. Hinzu kommt die hochkarätige Schauspielerriege, die in dieser Massierung ebenfalls in kaum einem Tatort jemals erreicht werden dürfte. Insofern ist der Film kinotauglich.</p>
<p>Bleibt die Story selbst. Auch hier gilt es, im Kino grundsätzlich andere Akzente zu setzen. Denn der TV-Krimi herkömmlicher Natur konzentriert sich sehr stark auf die rationale Ebene: man denkt fieberhaft nach, wer der Täter sein könnte, wo die Motivationen stecken, welche Indizien worauf hindeuten usw. Diese rationale Ebene ist im Kino weit weniger wichtig. Ungleich entscheidender ist die Beziehungsebene: wie intensiv treffen die Figuren aufeinander? Was erzählt uns der Film über die Menschen, ihre Sehnsüchte, Abgründe, ihr Lieben und ihr Leiden?</p>
<p>Einerseits bezieht sich &#8220;Das letzte Schweigen&#8221; auf ein klischeebesetztes und keineswegs originelles Thema: die Vergewaltigung Minderjähriger ist ein abgedroschener Dauerbrenner. Andrerseits geht der Film von einer brillanten Grundidee aus.  Denn im Mittelpunkt steht nicht EIN Täter, sondern ein Duo; hier der Vergewaltiger, da sein schweigender Mitwisser. Also eine Beziehung. Einer der verhandelten Morde wird sogar wie eine Art öffentlicher Aufruf des einen Mannes an den anderen dargestellt, sich doch wieder zu melden und in Kontakt zu treten. Das Verlangen nach Austausch und Gemeinsamkeit scheint also groß zu sein.</p>
<p>All das liefert starke Voraussetzungen für die Schilderung einer intensiven Beziehung. Nur &#8211; leider erfährt man über die Beziehung dann doch: fast nichts. Genau das, was das Zentrum des Films ausgemacht hätte, bleibt leer. Nämlich die komplizierte Psychologie der Täter, die einander ausgeliefert sind, sich mit Schuldgefühlen quälen oder auch nicht, aber jedenfalls auf Gedeih und Verderb aneinander gebunden sind. Ob sie weitere Taten planen, sie bereuen oder gar einen Gedanken an die Opfer verschwenden, erfährt man nicht. All das wird pauschal angedeutet, aber an kaum einem Punkt differenziert verfolgt. Austausch findet nicht statt, Geben und Nehmen erst recht nicht. Die Beziehung der beiden Täter bleibt eine Behauptung, und zwar auf der Gegenwartsebene genauso wie in der Rückblende.</p>
<p>Darum herum baut das Drehbuch nun genau das, was wir auch aus anderen TV-Krimis zur Genüge kennen und im Kino nicht nochmals zu sehen brauchen: schlecht gelaunte, irgendwie absonderliche und zerstrittene Ermittler; abrupt einsetzende sexuelle Affairen, die dann doch nicht weiter führen, und jede Menge Indizien, Beweise, Schlussfolgerungen. Nichts davon führt uns emotional tiefer in die Beziehung.</p>
<p>Bleibt die Beobachtung, dass sich der Film für die eigentlichen Opfer nicht interessiert. Die beiden jungen Leben, die da ausgelöscht wurden, hinterlassen keine Spuren. Es gibt zwar die Eltern, deren Leiden recht pauschal ausgestellt wird. Dass hier aber jungen Mädchen, die gelebt und geliebt haben, Schmerz zugefügt wurde, dass sie nicht mehr da sind, nicht mehr leben dürfen, das übergeht das Drehbuch weitgehend. Insofern eine zynische Note, die im Kino selten gut ankommt.</p>
<p>&#8220;Das letzte Schweigen&#8221; liefert also in der Umsetzung genügend Kinopotenzial &#8211; in der Story jedoch nicht. Hinzu kommt ein menschenverachtender Unterton. Und hier wird es schwierig. Ein Blick auf die oben genannten Vergleichsfilme zeigt, dass diese jeweils ungleich mehr Zwischenmenschlichkeit aufweisen. Auch die Lisbeth-Salander-Reihe aus Schweden hat unvergleichlich mehr soziale Relevanz und Beziehungsdynamik zu bieten.</p>
<p>Dramaturgische Einschätzung: Roland Zag</p>
<p><strong>MARKTPROGNOSE: </strong></p>
<p>Dieser Versuch, das Krimigenre in Deutschland im Kino zu beleben, überzeugt vor allem durch die anspruchsvolle Besetzung und die visuelle Gestaltung, die wie eine Bewerbung des Schweizer Debütregisseurs für internationale Aufgaben wirkt. Die optische Betonung dient nicht immer der Geschichte, sondern verleiht ihr sogar einen leicht mitschwingenden menschenverachtenden Beigeschmack. Für den anvisierten Binnenmarkt des Filmgeschäfts erweist sich das vielleicht als weniger nachteilig als vor allen bei weiblichen Kinozuschauern und Eltern, die der für sie schwer ertragbaren Täterperspektive und Opfervernachlässigung nicht werden folgen wollen. Dagegen können die Schauspieler nach kürzlichen Publikumserfolgen sicher eine positive Effekte erzeugen: Ulrich Thomsen sahen 2009 in „The International“ 694.000, Wotan Wilke Möhring in „Männerherzen“ sogar mehr als 2 Mio., Burghart Klaußner in „Das weiße Band“ 652.000 und Sebastian Blomberg in „Der Baader Meinhof Komplex“ fast 2,5 Mio. Kinobesucher. Der Verleih nfp wird sicherlich versuchen, zusätzliche Marketingeffekte über die kürzlichen Krimi-Genre-Erfolge mit der Trilogie „Verblendung“ (709.000), „Verdammnis“ (473.000) und „Vergebung“ (364.000) zu erzielen, aber dennoch sehen wir „Das letzte Schweigen“ eher im Bereich der jüngeren deutschen Krimikinofilme &#8220;Tattoo&#8221; (220.000 in 2002), &#8220;Lautlos&#8221; (51.000 in 2004) und &#8220;Antikörper&#8221; (142.000 in 2005). Dabei ist anzunehmen, dass er am unteren Rand, also in der Gegend von 50.000 Zuschauern hängen bleibt. Die Argumente für einen Kinobesuch in einem Fall, wo emotional dann doch nicht viel mehr geboten wird als in vielen TV-Krimis, sind einfach zu schwach. Schade um die exzellente Grundidee und die starke Inszenierung.</p>
<p>Markteinschätzung: Norbert Maass</p>
<p>Berlin/München 15.08.2010</p>
<p style="text-align: center;">
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		<title>ME TOO</title>
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		<pubDate>Fri, 13 Aug 2010 10:03:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>roland</dc:creator>
				<category><![CDATA[Internationales Kino]]></category>

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		<description><![CDATA[ME TOO
Buch und Regie: Antonio Naharro, Alvaro Pastor

Das Thema &#8220;Zugehörigkeit&#8221; kann emotional eigentlich kaum noch wirksamer und berührender behandelt werden. DANIEL (Pablo Pineda) leidet unter dem Down Syndrom. Doch als Mann mit Hochschulabschluss wünscht er sich nichts mehr, als &#8220;normal&#8221; zu sein. Er will dazugehören. Zu den nicht Behinderten. Das bedeutet für ihn: als Sexualpartner [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;"><strong>ME TOO</strong></p>
<p style="text-align: center;"><strong>Buch und Regie: Antonio Naharro, Alvaro Pasto</strong>r</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Das Thema &#8220;Zugehörigkeit&#8221; kann emotional eigentlich kaum noch wirksamer und berührender behandelt werden. DANIEL (Pablo Pineda) leidet unter dem Down Syndrom. Doch als Mann mit Hochschulabschluss wünscht er sich nichts mehr, als &#8220;normal&#8221; zu sein. Er will dazugehören. Zu den nicht Behinderten. Das bedeutet für ihn: als Sexualpartner für attraktive Frauen in Frage kommen. Mit Frauen seines Schlages kann oder will er sich nicht abgeben. So sitzt Daniel zwischen den Stühlen: für ein Leben mit Behinderten ist er zu gebildet und zu kompetent. Für &#8220;normale&#8221; Menschen ist er einfach einer, den man ausgrenzt und übergeht. Die Einsamkeit, die daraus resultiert, überträgt sich mit erschreckender Eindringlichkeit.</p>
<p style="text-align: left;">Dennoch ist &#8220;Me Too&#8221; kein &#8220;Feelbad-Movie&#8221; &#8211; (was man vom vergleichbaren &#8220;Renn wenn du kannst&#8221; schon eher sagen könnte). Denn im Zentrum steht eine komplizierte, aber emotional reich orchestrierte Annäherung, die mit viel Reifung und Wandlung einhergeht. In LAURA (Lola Duenas) findet Daniel dann doch einen Menschen, der ihm direkt und vorurteilsfrei begegnet. Laura spürt, dass sie innerlich wohl mindestens genauso behindert ist wie Daniel. Denn sie fühlt sich selbst innerhalb ihrer Familie ausgegrenzt und nicht integriert. Was genau zwischen ihr und ihrem Vater passiert ist, erfährt man nicht. Aber es ist klar, dass eine Traumatisierung bzw. ein Mißbrauch im Raum steht. Dieser unaufgearbeitete Hass auf den Vater ist für Laura genau so ein Handicap wie das Down Syndrom für Daniel.</p>
<p style="text-align: left;">Bald zeigt sich, dass auf der Gefühlsebene Daniel viel &#8220;normaler&#8221; ist als die neurotische Laura. So entsteht ein reiches Geben und Nehmen, ein Austausch mit großen Folgen. Laura erfährt mit Daniel eine Mann-Frau-Beziehung, die erstmals nicht den immergleichen sexuellen Schemata entspricht. Daniel will nicht in erster Linie ihren Körper (obwohl &#8211; in zweiter Linie &#8211; dann schon auch!). Aber vorrangig erkennt er ihre Traurigkeit und benennt sie. Ihm geht es um Laura als Mensch &#8211; nicht als Sexualobjekt. Dafür erhält er von ihr das Glücksgefühl, von einer attraktiven Frau erstmals nicht übergangen, sondern menschlich ernst genommen zu werden.</p>
<p style="text-align: left;">Gespiegelt wird dieses komplexe und schwierige Verhältnis durch einen Nebenstrang, der das Motiv &#8221; gemeinsame Hilfeleistung für andere&#8221; in den Vordergrund rückt. Daniel und Laura helfen einem verliebten Paar von Behinderten, ihre Liebe leben zu dürfen und sich von den Eltern zu emanzipieren. Diese Szenen gehören zu den wirkungsvollsten. Denn die Liebe zwischen den äußerlich weder schönen noch attraktiven Behinderten wird mit einer solchen Reinheit und Offenheit zur Sprache gebracht, dass Lauras inneres Defizit mit Händen greifbar wird. &#8220;Behinderte&#8221; Liebe erweist sich hier als reicher und erfüllter als &#8220;normale&#8221;. Dieser Klimax ist auch der dramaturgische Wendepunkt, der in Laura die Gewissheit in Gang setzt, dass sie an ihrem Leben etwas ändern muss. Woraufhin sie beginnt, sich mit ihrer Familie wieder auseinander zu setzen.</p>
<p style="text-align: left;">So ist &#8220;Me Too&#8221; ein Film fast ohne äußere Dramaturgie geworden. Es gibt so gut wie keinen plot, keine 3-Akt-Struktur und keine ausgefeilte Konstruktion. Manches mag ein wenig angerissen und  nicht zu Ende erzählt wirken. Unter den &#8220;Normalen&#8221; wie etwa Daniels Familie existiert keine klare Rollenzuschreibung von gut und schlecht. Keiner verhält sich vorbildlich, keiner wird diffamiert. Das Problem des Umgangs zwischen normal und behindert wird nicht als einfach lösbar, sondern als ewig heikler Drahtseilakt dargestellt. Der  Film wartet nicht mit einer klaren Botschaft auf. Aber die  emotionale Macht von Austausch und seelischem Commitment vermittelt sich doch unmittelbar.</p>
<p style="text-align: left;">Dennoch ist die Wandlung innerhalb der Figuren, die Reifung und der innere soziale Gewinn mit Händen zu greifen.Insofern bietet &#8220;Me Too&#8221; ein emotional ergreifendes Erlebnis mit hohem Alleinstellungsmerkmal. Daher dürfte sich die nötige Mundpropaganda auch trotz des sperrigen Themas einstellen. Daher wird &#8220;Me Too&#8221; gerade im Vergleich zu &#8220;Renn wenn du kannst&#8221; mit relativ guten Zahlen rechnen können.</p>
<p style="text-align: left;">(Dramaturgische Analyse: Roland Zag)</p>
<p><strong>Markteinschätzung:</strong></p>
<p>Der kleine spanische Film „Me Too“ hat vor allem Trümpfe auf der zwischenmenschlichen Ebene, die stechen, die aber erst erkennbar werden, wenn man den Film gesehen hat. Von außen besehen kommt noch als Pluspunkt die Hauptdarstellerin Lola Duenas hinzu, die in „Volver“ 2006 von 765.000 und in „Das Meer in mir“ ein Jahr vorher von 285.000 Zuschauern gesehen wurde. Diese Zahlen wird „Me Too“ bei weitem nicht erreichen und von einem Stareffekt für den deutschen Kinomarkt kann bei ihr keine Rede sein, aber eine gewisse Wiedersehenslust kann sie bei einigen Publikumssegmenten durchaus wecken. Der Produzent Julio Medem hat als Regisseur von Filmen wie „Lucia und der Sex“ immerhin eine kleine Fangemeinde, wohingegen die weiteren Beteiligten völlige Newcomer sind. Im Vergleich zu „Renn, wenn Du kannst“ ist eine deutlich stärkere Resonanz vor allem beim entscheidenden weiblichen Arthouse-Publikum abzusehen. Der starke human factor und die positive Weiterempfehlungsrate dürften den spanischen Film damit in hohe fünfstellige Bereiche bringen. Wenn es gut läuft – und einiges spricht trotz eines jetzt von Woche zu Woche schwieriger werdenden Marktumfelds dafür – kann er es unserer Einschätzung nach sogar schaffen, die 100.000er Marke zu knacken.</p>
<p>Markteinschätzung: Norbert Maass</p>
<p>München/Berlin 12.08.2010</p>
<p style="text-align: left;">
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		<title>INCEPTION</title>
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		<pubDate>Thu, 05 Aug 2010 11:21:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>roland</dc:creator>
				<category><![CDATA[Internationales Kino]]></category>

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		<description><![CDATA[Inception
Buch und Regie: Christopher Nolan
Man kann hier die drei zentralen Wirkungsebenen der Filmwahrnehmung in seltener Klarheit trennen:
Da ist die RATIONALE Ebene. Sie wird hier so atemberaubend komplex bespielt, dass man als Zuschauer früher oder später die Orientierung verliert. Sind wir im Traum, der Realität, dem Traum im Traum, oder gar auf der dritten Ebene, also [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;"><strong>Inception</strong></p>
<p style="text-align: center;"><strong>Buch und Regie: Christopher Nolan</strong></p>
<p style="text-align: left;">Man kann hier die drei zentralen Wirkungsebenen der Filmwahrnehmung in seltener Klarheit trennen:</p>
<p style="text-align: left;">Da ist die RATIONALE Ebene. Sie wird hier so atemberaubend komplex bespielt, dass man als Zuschauer früher oder später die Orientierung verliert. Sind wir im Traum, der Realität, dem Traum im Traum, oder gar auf der dritten Ebene, also dem Traum im Traum im Traum? Man kann versuchen, den unübersichtlichen Regeln zu folgen &#8211; oder aussteigen. Immerhin ist die verschachtelte Erzählstruktur dazu angetan, den Film zwei &#8211; oder dreimal anzuschauen, was seinem Markterfolg zugute kommt.</p>
<p style="text-align: left;">Wem das Nachdenken irgendwann zuviel wird, der wird auf SINNLICHEN Ebene gleichfalls überwältigend bedient. Die Effekte und visuellen Traumwelten lassen fast alles hinter sich, was man bisher in dieser Richtung sehen konnte. Hinzu kommt jede Menge konventionelles Action-Kino, welches dem jungen Publikum entgegen kommt.</p>
<p style="text-align: left;">Doch unter diesen beiden äußeren Schichten verbirgt sich noch eine dritte Ebene, und diese ist im Gegensatz zu den anderen beiden ganz einfach &#8211; dafür umso wirkungsvoller. Die ZWISCHENMENSCHLICHE Schicht rührt an die elementarsten Bedürfnisse. COBB (Leonardo di Caprio) will seine Kinder wieder sehen. Gleichzeitig leidet er unter Schuldgefühlen gegenüber seiner verstorbenen Frau. Denn er hat nicht nur mit ihr das gesamte Projekt &#8220;Inception&#8221; mit aufgebaut (was der Wirkung sehr zugute kommt! Liebe ist in diesem Fall auch ein Projekt der Gemeinsamkeit&#8230;); er hat auch Mitschuld daran, dass sie sich vom Dach gestürzt hat &#8211; in der irrigen Annahme, sie könne dadurch aus einem ewig währenden Traum wieder aufwachen. Die soziale und emotionale Achse bestimmt den Film in seiner Tiefenschicht. Auch wer von dem rationalen und sinnlichen Overkill überfordert ist, kann &#8220;Inception&#8221; auf dieser Ebene sehr stark erleben.</p>
<p style="text-align: left;">Tiefenpsychologisch spannend und überzeugend ist die überraschende Wendung, dass Cobbs Frau MAL (Marion Cotillard) in seinem Unterbewusstsein als negative, böse und zerstörerische Figur auftaucht. In seinem Schuldkomplex verwandelt sich das Objekt der Begierde zu dem der Vernichtung. Hier liegt eine große tiefere Wahrheit.</p>
<p style="text-align: left;">Doch auch in anderer Hinsicht wird &#8220;Inception&#8221; von einer großen Geschlossenheit der Themenstellung definiert.  Denn die Frage, in welcher &#8220;Realität&#8221; wir leben, berührt elementare Formen des Erlebens aller Menschen. Im Grunde wechseln wir nicht nur zwischen Traum und Wirklichkeit. Auch im Wachzustand vertauschen sich beständig die Ebenen: wer trauert, lebt in einer anderen, abgekapselten Realität als der frisch Verliebte oder vom Erfolg Verwöhnte. Wir werden dessen oft selbst nicht gewahr. In welcher Verfassung, welcher Welt wir uns gerade befinden, ist oft nicht klar. Daher geht es oft so, dass überraschende Wendungen im Leben den Eindruck erwecken, man wache auf &#8211; wechsle also von einer Welt in die nächste. Der Switch zwischen den Wahrnehmungsebenen ist also allen Menschen etwas sehr Vertrautes. Kaum ein Film bislang hat dieses Nebeneinander verschiedener Realitäten so konsequent behandelt wie &#8220;Inception&#8221;. Es geht um nichts anderes. Insofern steckt in der scheinbar simplen zwischenmenschlichen Story auch eine tiefere Wahrheit.</p>
<p style="text-align: left;">Daher bietet &#8220;Inception&#8221; nicht nur eine rational halsbrecherische Studie der Möglichkeiten; nicht nur eine inszenatorische Tour de Force; sondern auch eine ganz einfaches, elementar wirksame Story eines Mannes, der seine Kinder wieder sehen und mit seinen Schuldgefühlen seinen Frieden machen will. Wobei dann noch der Aspekt des sehr intensiven Team-Works hinzu kommt: es sind immerhin sechs ausgewiesene Spezialisten, die sich hier in eine wirklich innovative Aufgabe vertiefen.</p>
<p style="text-align: left;">Man wird also als Zuschauer auf allen Ebenen sehr gut bedient. Und da fällt es kaum auf, dass am Ende (höchst ungewöhnlich!)  das äußere Ziel des Films mehr oder weniger abhanden gekommen ist: ob Fischer jun. jetzt das Imperium seines Vaters teilt oder nicht teilt, spielt kaum eine Rolle mehr. Die Frage, ob Cobb seine Kinder &#8220;in Echt&#8221; sieht, oder nur ein weiteres mal auf einer Traumebene hängen geblieben ist &#8211; sie ist emotional und erzählerisch von ungleich größerer Bedeutung. Insofern erweist sich einmal mehr das äußere Ziel eines Films (von der klassischen Dramaturgie oft überschätzt) als reiner MacGuffin, also als letztlich überflüssige Schimäre, die nur die Handlung in Gang setzt. Entscheidend ist am Ende die soziale Schicht. Indem diese in &#8220;Inception&#8221; überzeugend in Szene gesetzt wird, kann eigentlich am Markt nichts mehr schief gehen.</p>
<p style="text-align: left;">MARKTPROGNOSE:</p>
<p style="text-align: left;">Eigentlich erübrigt sich die Frage nach dem Erfolg des Films. Der Zuschauerandrang ist stürmisch, und aufgrund des Effekts, dass viele Interessierte den Film gleich mehrfach anschauen, wird sich das Endergebnis natürlich in beliebiger Millionenhöhe bewegen. Umfassender als in &#8220;Inception&#8221; kann man kaum bedient werden. Der einzelne mag davon zuviel bekommen. Für den großen Erfolg sind alle Parameter erfüllt.</p>
<p style="text-align: left;">Dramaturgische Analyse und Markteinschätzung: Roland Zag</p>
<p style="text-align: left;">München, 5.8.2010</p>
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		<title>DAS KONZERT</title>
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		<pubDate>Thu, 05 Aug 2010 10:38:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>roland</dc:creator>
				<category><![CDATA[Internationales Kino]]></category>

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		<description><![CDATA[DAS KONZERT
Buch: Radu Mihaileanu, Alain-Michel Blanc, Matthew Robbins; Regie: Radu Mihaileanu
Das Drehbuch weist eine beträchtliche Komplexität auf. Viele kleine Details wären vielleicht nicht nötig gewesen &#8211; aber sie werden weitestgehend zu Ende erzählt, was eine erhebliche Leistung darstellt. Was die schiere Kunst der Behandlung von Haupt-und Nebensträngen und Verästelungen angeht, ist die Vorlage für &#8220;Das [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p align="center"><strong>DAS KONZERT</strong></p>
<p align="center"><strong>Buch: Radu Mihaileanu, Alain-Michel Blanc, Matthew Robbins; Regie: Radu Mihaileanu</strong></p>
<p>Das Drehbuch weist eine beträchtliche Komplexität auf. Viele kleine Details wären vielleicht nicht nötig gewesen &#8211; aber sie werden weitestgehend zu Ende erzählt, was eine erhebliche Leistung darstellt. Was die schiere Kunst der Behandlung von Haupt-und Nebensträngen und Verästelungen angeht, ist die Vorlage für &#8220;Das Konzert&#8221; auf höchstem Niveau angesiedelt.</p>
<p>Doch auch der &#8216;human factor&#8217; wird sehr handlungsbestimmend und wirkungsvoll eingesetzt. Zunächst, in Moskau, steht das Gemeinschaftsgefühl im Vordergrund: der Versuch, ein längst in alle Winde zerstreutes Orchester wieder zusammenzubringen, führt zu einer stetig wachsenden Zahl von Beteiligten, Problemen, Hoffnungen und Enttäuschungen. Hier liegt eine große Stärke in der sozialen Fülle.</p>
<p>Doch auch die Empathie für Benachteiligte wird stimuliert: die Auflösung des Orchesters im Jahr 1980 war eine bittere Ungerechtigkeit, weil der Dirigent FILIPOW (Alexej Guskow) sich weigerte, antisemitischen Verfolgungen nachzugeben. Hier steht die Wiederbegegnung mit seinem damaligen Feind GAWRILOW (Valeri Barinow) im Vordergrund, die auch eine teilweise Rehabilitierung und Annäherung nach sich zieht, welche auch wieder zwischenmenschlich befriedigend wirkt.</p>
<p>Wichtig ist auch die ideelle Ebene: da ist einerseits Filipow ganz von der Macht der Musik besessen &#8211; und diese Besessenheit tritt am Ende immer mehr in den Vordergrund (vielleicht eine Spur zu viel, das ist Geschmackssache). Da ist aber auch die Sache der alten Kommunisten selbst, deren ideeller Glaube an die Richtigkeit der Idee ernst genommen und damit aufgewertet wird. All diese Elemente helfen dem Film enorm, das Publikum in Bann zu ziehen.</p>
<p>Der eigentliche Witz, dem die vielen komischen Szenen sich verdanken, ist der &#8220;culture clash&#8221;: da das völlig chaotische, überbordende und disziplinlose russische Orchester &#8211; hier der französische Hochglanz. Indem die beiden Welten so himmelschreiend weit auseinander klaffen, entfaltet sich die Wirkung von &#8220;Schein und Sein&#8221; ganz zwangsläufig. Niemand in Frankreich ahnt, dass das angebliche Bolschoi-Orchester in Wahrheit nur ein Haufen längst aus der Übung gekommener Gelegenheitsmusiker ist. Dieser Gegensatz ist genuin komisch und wird weidlich ausgenutzt.</p>
<p>In Paris dann treten allerdings andere Ebenen des Drehbuchs in den Vordergrund und ziehen eine viel ernstere Tonalität nach sich. Auch sie zielen auf den ‚human factor‘, allerdings auf individueller Ebene. Die Wundergeigerin Anne-Marie Jacquet (Mélanie Laurent) verdankt nämlich dem Dirigenten Filipow viel mehr, als sie ahnt. In diesem Erzählstrang tritt die Loyalitätsebene der Familie extrem in den Vordergrund. Anne-Marie erfährt, woher sie wirklich stammt. Durch diese Aufdeckung der Wahrheit samt sozialem Zuwachs entsteht eine gewaltige emotionale Energie (repräsentiert durch die Rückblenden).</p>
<p>Hier schwenkt der Film in ein hohes Pathos, das vielleicht in der Tonalität nicht immer mit der burlesken Außenwelt zusammenpassen mag &#8211; aber dafür zwischenmenschlich äußerst intensive Momente von Geben und Nehmen zeitigt. Anne-Marie erfährt nicht nur die Wahrheit. Sie wird auch dessen gewahr, wie viel Hilfeleistungen sie und ihre Eltern in ihrem Leben empfangen haben. Aus der Farce wird hier ein echtes persönliches Drama mit gutem Ausgang.</p>
<p>Sehr gelungen ist dann auch der Coup, dass sich die chaotisch verstreuten Musiker, denen gar nicht an einem Auftritt gelegen ist, dann doch durch eine SMS vereinen lässt: &#8220;Tut es für Lea&#8221;. Das Motiv &#8221; Beiträge für andere&#8221; wird hier stark und wirkungsvoll betont.</p>
<p>Die eigentliche erzählerische Pointe des Films besteht darin, diese beiden Ebenen in dem abschließenden (allerdings sehr langen) Konzert zu vereinen. Am Anfang steht noch die pure Komik, wenn Orchestermusiker zu spät kommen und die ersten Töne sich wahrhaft erbärmlich anhören. Doch es ist das Spiel der Geigerin &#8211; und durch ihr Spiel hindurch ihre innere seelische Intensität der menschlichen Verbundenheit! &#8211; welche das Spiel des Orchesters auf höchstes Niveau katapultiert. Die emotionale Dichte ist kaum zu überbieten. Selten wurde im Film eine solch gelungene Verschmelzung von menschlicher Backstory und ideellen Werten gesehen. (Am ehesten ist man an &#8220;Wie im Himmel&#8221; erinnert, ein Film, der Ähnliches erreicht, allerdings viel weniger Komik aufweist und insofern geschlossener wirkt).</p>
<p>Unterm Strich ist &#8220;Das Konzert&#8221; eine sehr gewagt, äußerst bunt durchmischte Ballung von &#8216;human factor&#8217;-Elementen. Dass hier ernstere Blicke auf die historische Situation in Moskau dem puren Klamauk geopfert werden, wird man aus Publikumssicht verschmerzen. Insgesamt sind die Voraussetzungen für einen großen Publikumserfolg also prinzipiell sehr gut. Insofern ist anzunehmen, dass der Film allein durch Mundpropaganda weit kommen und lange laufen wird &#8211; wenn auch vermutlich nicht annähernd so gut wie &#8220;Wie im Himmel&#8221;.</p>
<p>Dramaturgische Einschätzung: Roland Zag</p>
<p><strong>Markteinschätzung:</strong></p>
<p>Die Kombination aus musikalischem Thema und großen Gefühlen bedient weitverbreitete  Publikumsbedürfnisse einer älteren und gebildeten Schicht. Wenn es sich um einen Film handelt, der sowohl in Artouse-Kinos als auch in Multiplexen gespielt werden kann, sind in solchen Fällen sogar siebenstellige Zuschauerzahlen durchaus möglich. Doch das ist bei „Das Konzert“ nur in Frankreich möglich gewesen und für die Auswertung in den deutschen Kinos unrealistisch. Zudem muss man einschränkend sehen, dass die Thematik Moskau-Paris aus deutscher Sicht arg weit weg wirkt, und das Publikum für klassische Musik offen sein muss.</p>
<p>Das Versprechen aufgrund des Trailers und der erfolgversprechenden Kombination ist für ein vorrangig weibliches Publikum in den Art- oder Einzelhäusern dennoch günstig. Mélanie Laurent ist als weibliche Hauptrolle in Quentin Tarantinos „Inglorious Basterds“ von mehr als zwei Millionen Menschen in Deutschland gesehen worden und insofern ein ernst zu nehmender Publikumsfaktor – sowohl für die Freunde des französischen Kinos als auch für Begleiter, die ansonsten eher nicht in einen Film wie „Das Konzert“ gehen würden. Die Herausbringung durch den momentan stärksten unabhängigen Verleiher in Deutschland – Concorde-Film – mit 150 Kopien hat keinen Überraschungserfolg gebracht, aber wird dem Film vorerst Platz 1 der Arthouse-Charts sichern. Da „Inception“ zu deutlich mehr als der Hälfte Männern gefällt, kann die französische Koproduktion ganz gut daneben existieren. Richtige Dauerläufer- und Durchbruchseffekte sind aber nicht mehr zu erwarten. So gesehen ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass das Endergebnis zwischen 175.000 und 250.000 liegen wird.</p>
<p>Markteinschätzung: Norbert Maass</p>
<p>München/Berlin 05.08.2010</p>
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		<title>RENN WENN DU KANNST</title>
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		<pubDate>Wed, 28 Jul 2010 16:08:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>roland</dc:creator>
				<category><![CDATA[Deutschsprachiges Kino]]></category>

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		<description><![CDATA[RENN WENN DU KANNST
Buch: Anna Brüggemann, Dietrich Brüggemann; Regie: Dietrich Brüggemann
Der Umgang mit Behinderten ist ein Tabuthema, das man im Kino gerne ausspart &#8211; indem man es entweder ausblendet oder bagatellisiert. &#8220;Renn wenn du kannst&#8221; packt es frontal an- und das liefert ein starkes Alleinstellungsmerkmal. BEN (Robert Gwisdek) will sich mit seiner Rolle als Rollstuhlfahrer [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p align="center"><strong>RENN WENN DU KANNST</strong></p>
<p align="center"><strong>Buch: Anna Brüggemann, Dietrich Brüggemann; Regie: Dietrich Brüggemann</strong></p>
<p>Der Umgang mit Behinderten ist ein Tabuthema, das man im Kino gerne ausspart &#8211; indem man es entweder ausblendet oder bagatellisiert. &#8220;Renn wenn du kannst&#8221; packt es frontal an- und das liefert ein starkes Alleinstellungsmerkmal. BEN (Robert Gwisdek) will sich mit seiner Rolle als Rollstuhlfahrer nicht abfinden. Er ist bitter geworden, gallig, despotisch. Gerade um heikle Themen wie z.B. &#8220;Sex zwischen einem behinderten Mann und einer nicht behinderten Frau&#8221; macht der Film keinen Bogen. Die Szene, in der Ben mit der Cellistin ANNIKA (Anna Brüggemann) schlafen will und es nicht schafft, gehört sicherlich zu den stärksten und ehrlichsten des Films. Damit ist ein starkes Argument für den Film garantiert: er wird alle, die sich mit dem Thema auseinandersetzen, zunächst ansprechen und durch seinen schonungslosen Blick interessieren. Auf der anderen Seite versucht die Umsetzung durch phantastische, spielerische Elemente immer wieder auch eine Leichtigkeit ins Spiel zu bringen, die der Schwere des Themas die Spitze bricht.</p>
<p>Rein dramaturgisch gesehen ist der Rollstuhlfahrer im Film zunächst ein dankbarer Protagonist, weil er so stark benachteiligt ist. Die Empathie liegt natürlich erst mal sehr klar bei Ben. Doch die Schraube der Bitterkeit, Destruktivität, ja geradezu des Zynismus der Figur Ben wird vom Drehbuch bis zum Schluss des Films immer weiter angezogen. Bens Brutalität im Umgang mit sich selbst und seiner Umgebung mag verständlich sein, weil er sein Schicksal nicht annehmen will und kann. Bis zu einem gewissen Grad wird jeder dafür Verständnis haben. Doch irgendwann muss man sich fragen, was seinen Betreuer CHRIS (Jacob Matschenz) und vor allem natürlich eine Frau wie Annika an ihm reizt und sie an ihn bindet. Denn Ben ist ein bis zum Sadismus gehender Verweigerer, der noch jede Form von Zuwendung (auch von Seiten seiner Mutter) abwehrt und mit Gemeinheiten (&#8221;Du bist nur ein Tuttischwein&#8221;) beantwortet. Der gallige Humor des Protagonisten findet nur selten eine tiefere und menschlichere Ebene. Echten Austausch verweigert er. Insofern fragt man sich dann, was Annika so tief an ihm anzieht, dass sie beschwerlichen Sex mit ihm haben will. Der schnodderige Tonfall, den Ben bevorzugt, nimmt dem Thema nicht etwa die Schwere, sondern verstärkt sie noch.</p>
<p>Erst ganz am Schluss findet der Film zur eigentlichen Schlüsselszene, unter der Ben leidet: denn eigentlich rührt sein Trauma vom Verlust der Frau her, die bei dem Unfall, den er überlebte, starb. Hier läge ein starkes Argument für die differenzierte Gestaltung seiner Verstörung. Doch leider erfährt man von dieser Beziehung nichts. Sie hätte ein Türöffner zum Verständnis von Ben sein können. Insofern gleicht der Film seinem Hauptdarsteller: die wichtigen Informationen werden uns eher verweigert als gegeben. Das stellt das Publikum auf eine harte Probe.</p>
<p>Auch hinsichtlich Annikas bleiben große offen. Was sie überhaupt an Ben und Chris reizt, ist nicht ganz klar. Die Austauschsebene der Musik existiert zwar (Annika liebt Cello), wird aber kaum bespielt (Ben und Chris interessieren sich kaum für ihre Musik und schon gar nicht für spezifisches Problem des Lampenfiebers). Wenn Ben sagt: &#8220;Du hast mein Herz berührt&#8221;, so wirkt das so sarkastisch wie alles, was er von sich gibt. Dass hier irgendjemand einen anderen wirklich berührt, ist kaum spürbar. Wie und warum Annika ihre große Angst vor dem öffentlichen Vorspielen im Moment des Konzerts auf einmal überwindet, bleibt undeutlich. Der Moment des Triumphs wird ihr auch nicht gegönnt &#8211; endlich einem nicht mehr &#8220;Tuttischwein&#8221; gewesen zu sein und die Anerkennung genossen zu haben, dieses schöne Gefühl kann sie nicht mit anderen teilen.</p>
<p>Entsprechend treibt der Film sein immer galligeres Spiel am Ende auf die Spitze, indem Ben doch noch den lange angekündigten Selbstmordversuch unternimmt. Irgendwann wird man dann seines düsteren Selbsthasses überdrüssig. Irgendwann geht es nicht mehr um seine Behinderung, sondern eine Art Selbstekel, dem man nur noch schwer folgen kann.</p>
<p>So gesehen tut &#8220;Renn wenn du kannst&#8221; seinem eigentlichen Anliegen &#8211; der vorurteilslosen Konfrontation mit Behinderung &#8211; nicht unbedingt einen Gefallen. Denn der Protagonist nimmt die Angebote seiner Umgebung einfach nicht an. Irgendwann wirkt sein Unglück dann eben doch &#8211; trotz aller Vorschuss-Empathie &#8211; selbstverschuldet. Und ab diesem Moment ist die Publikumsbindung dahin.</p>
<p><em>Dramaturgische Einschätzung: Roland Zag</em></p>
<p><strong>Markteinschätzung:</strong></p>
<p>„Renn, wenn Du kannst“ stellt einen Zyniker im Rollstuhl in den Mittelpunkt und stellt sich dabei auch dem Thema Sex mit Behinderten. Insofern handelt es sich im Moment um einen mutigen und ungewöhnlichen Film auf dem deutschen Kinomarkt, der seit der Premiere auf der Berlinale ein gewisses Alleinstellungsmerkmal vermittelt hat und bestimmte erwachsene Zuschauerkreise auf jeden Fall interessieren wird. Die grundsätzliche Anlage verspricht zudem viele komische und zwischenmenschlich starke Aspekte, aber die Umsetzung ist erkennbar weniger unterhaltsam und emotional bewegend geraten, als es das Thema verdient gehabt hätte. Dafür wäre eine Herangehensweise hilfreich gewesen, die uns die Figuren näher bringt und stärkere emotionale Entwicklungen auslöst. Stattdessen wird vor allem der zentralen Figur die Wandlung und Reifung vorenthalten und damit die Wunschentwicklung des Publikums trotz des schematisch harmonisierenden Endes kaum befriedigt. Robert Gwisdek wurde zuletzt in „13 Semester“ von 163.000 und in „Lauf um Dein Leben“ von 95.000 Zuschauern gesehen. Da die Namen der weiteren Beteiligten an diesem Debütfilm aber noch nicht bekannt genug sind, gibt es kaum Zusatzeffekte für die Vermarktung. Außerdem hat die Konkurrenzsituation in den Arthouse-Kinos wieder stark zugenommen. So gesehen überwiegen die negativen Vorzeichen leicht und die absolute Obergrenze liegt meinem Erachten nach bei 40.000 (wie etwa zuletzt „Schwerkraft“ hatte), aber die Wahrscheinlichkeit ist größer, dass das Endergebnis nur bei der Hälfte und damit zwischen 20.000 und 25.000 liegen wird.</p>
<p><em>Markteinschätzung: Norbert Maass</em></p>
<p><em>München/Berlin 28.07.2010</em></p>
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		<title>MÄNNER AL DENTE</title>
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		<pubDate>Thu, 22 Jul 2010 13:59:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>roland</dc:creator>
				<category><![CDATA[Internationales Kino]]></category>

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		<description><![CDATA[MÄNNER AL DENTE
Buch: Ferzan Ozpetek, Vian Cotroneo, Regie: Ferzan Oztetek
Die Grundkonstellation ist tragfähig. TOMMASO (Riccardo Sarmacio) kann es nicht wagen, sich gegenüber seinem Vater als Schwuler zu offenbaren, weil dieser schon beim Outing seines anderen Sohnes einen Herzanfall bekommen hat. Es gibt also gute Gründe für Tommaso, sich zumindest zeitweise in eine falsche Existenz zu [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p align="center"><strong>MÄNNER AL DENTE</strong></p>
<p align="center"><strong>Buch: Ferzan Ozpetek, Vian Cotroneo, Regie: Ferzan Oztetek</strong></p>
<p>Die Grundkonstellation ist tragfähig. TOMMASO (Riccardo Sarmacio) kann es nicht wagen, sich gegenüber seinem Vater als Schwuler zu offenbaren, weil dieser schon beim Outing seines anderen Sohnes einen Herzanfall bekommen hat. Es gibt also gute Gründe für Tommaso, sich zumindest zeitweise in eine falsche Existenz zu flüchten. Das grundsätzliche Dilemma ist plastisch und auch komisch. Wann immer die Protagonisten zwischen klar unterschiedenen alternativen Zugehörigkeiten wählen müssen, sind die Voraussetzungen gut. Und die soziale Relevanz wird deutlich spürbar: denn immerhin hat der Protagonist die Verantwortung für ein ganzes Unternehmen.</p>
<p>Das Grundthema des &#8220;falsch gelebten Lebens&#8221; durchzieht den Film konsequent, und darin liegt eine große Stärke. Nicht nur Tommaso, sondern auch seine Oma, seine Tante und eben sein Bruder haben damit zu kämpfen, der Welt zu sagen, wer sie wirklich sind, bzw. sich mit unerreichbar gewordenen Träumen abzufinden. Es gibt aber noch andere starke Elemente. So formiert sich etwa zwischen dem schwulen Tommaso und der attraktiven, aber unglücklichen ALBA (Nicole Grimaudo) sowie Tommasos Geliebten eine Freundschaft zu dritt. Dieses Element der Gemeinschaftsgefühle verleiht dem Film eine stimmige Achse. Zudem ist Tommasos Geliebter eine authentische, unverdorbene Figur, die ein gelungenes Gegenbild zu seiner Unentschlossenheit liefert.</p>
<p>Gleichzeitig stößt man allerdings auch auf eine Reihe von Ungereimtheiten, die es nicht einfach machen, ein homogenes Ganzes zu erleben. Da bleiben einige Nebenfiguren seltsam unerzählt  (etwa die Tante, die angeblich zu viel trinkt, aber nie betrunken ist; Alba, deren angebliche Borderline-Störung praktisch nie zu Tage tritt und immer nur behauptet bleibt; die wenig pointierte Beziehung zwischen der herrschsüchtigen Mama und einer unterdrückten Haushaltshilfe, uvm.). Als schwierig erweisen sich auch die brüsken Wechsel zwischen fast philosophischer Lebensweisheit und platter Boulevardkomödie, die zwischenzeitlich kein Schwulen-Klischee auslässt. Vermutlich ist dieser krasse Wechsel von &#8220;hohen&#8221; und &#8220;niederen&#8221; Elementen einem italienischen Publikum leichter zugänglich als einem deutschen (in Italien wurde &#8220;Mine Vaganti&#8221; zu einem großen Hit).</p>
<p>Was die philosophische Ebene angeht, so schwingt sich der Film am Ende allerdings in unerwartete Höhen auf, die ihm ein originelles Alleinstellungsmerkmal verleihen und helfen, das allzu vorhersehbare &#8220;Happy End&#8221; zu umgehen. Am Ende nämlich stirbt die Oma (wenngleich der Auslöser für diesen Freitod schwer erkennbar ist). Und ab diesem Moment wechselt die Erzählung auf eine Metaebene, in der alle Generationen &#8211; die Lebenden und die Toten &#8211; sich die Hand reichen und über das Thema der unerfüllten Wünsche philosophieren. Gegenüber der stereotypen Komödien-Forderung &#8220;Lebe deinen Traum&#8221;, die so häufig als Fazit bleibt, ist &#8220;Männer al dente&#8221; am Ende doch differenzierter. Es gibt im Leben immer auch Träume, die unerfüllt bleiben. Mit ihnen leben zu lernen, ist nicht leicht &#8211; aber der Film stößt uns gerade auf diese unbequeme Botschaft.</p>
<p>Insgesamt ergibt sich ein uneinheitliches Bild: die grundsätzlich tragfähige Dramaturgie wird durch inkonsequente Nebenfiguren beständig gebremst. Liebhaber derber Schwulen-Komik kommen nur vorübergehend auf ihre Kosten, während subtilere Zuschauer durch lange Passagen eher platten Zuschnitts abgeschreckt bleiben dürften. Dennoch sind die Vorzeichen dank der prägnanten Prämisse und des Alleinstellungsmerkmals eher leicht positiv zu sehen.</p>
<p>Dramaturgische Einschätzung: Roland Zag</p>
<p><strong>Markteinschätzung:</strong></p>
<p>„Männer al dente“ enthält einige Zutaten, die ihn grundsätzlich zu einer tauglichen Sommerkomödie machen. Vor allem spielt er in und um Lecce in Apulien, einem reizvollen Reiseziel in Italien. Der Aspekt, durch den Besuch eines Kinofilms im Sommer quasi für einen Moment in Urlaub zu fahren, hat zuletzt auch zu so unterschiedlichen Erfolgen wie „Alle anderen“ oder „Maria, ihm schmeckt&#8217;s nicht!“ beigetragen. Während die Schauspieler weitgehend unbekannt sind, kann der Regisseur Ferzan Ozpetek seit seinem Erfolg von 1997 „Hamam“ mit mehr als 100.000 Zuschauern in den deutschen Kinos schon eine gewisse Bekanntheit aufweisen. Im Vergleich mit diesem konsistenten und zurückhaltenden Homosexualitätsdrama wirkt „Männer al dente“ allerdings ganz anders und dürfte als uneinheitliche Komödie doch zum größten Teil ein anderes, stärker weibliches Publikum ansprechen. Ein starker Zuspruch von der Gay-Lesbian-Kinoszene ist ihm dagegen nicht sicher. Insofern sollte die absolute Obergrenze bei etwa 150.000 liegen, wie sie im vergangenen Sommer etwa die griechische Komödie „Kleine Verbrechen“ erreicht hat. Sehr viel wahrscheinlicher ist allerdings, daß „Männer al dente“ schließlich nur geringfügig über „Hamam“ hinausgelangen wird; gut möglich, daß es am Ende sogar nur zu hohen fünfstelligen Zahlen reicht.</p>
<p>Markteinschätzung: Norbert Maass</p>
<p>München/Berlin 21.07.2010</p>
]]></content:encoded>
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		<title>BERGFEST</title>
		<link>http://www.the-human-factor.de/?p=599</link>
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		<pubDate>Wed, 21 Jul 2010 15:24:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>roland</dc:creator>
				<category><![CDATA[Deutschsprachiges Kino]]></category>

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		<description><![CDATA[BERGFEST
Buch und Regie: Florian Eichinger
Die rein materiellen Beschränkungen eines No-Budget-Films wie diesem brauchen kein Hindernis zu sein. Natürlich kommt &#8220;Bergfest&#8221; durch ein extrem eingeschränktes Setting und das fast völlige Fehlen von Musik besonders spröde daher. Doch die starken Schauspieler wären in der Lage, dem Film narrativ genügend Qualitäten zu verleihen, um echte Kinotauglichkeit herzustellen. &#8220;Alle [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;"><strong>BERGFEST</strong></p>
<p style="text-align: center;"><strong>Buch und Regie: Florian Eichinger</strong></p>
<p style="text-align: left;">Die rein materiellen Beschränkungen eines No-Budget-Films wie diesem brauchen kein Hindernis zu sein. Natürlich kommt &#8220;Bergfest&#8221; durch ein extrem eingeschränktes Setting und das fast völlige Fehlen von Musik besonders spröde daher. Doch die starken Schauspieler wären in der Lage, dem Film narrativ genügend Qualitäten zu verleihen, um echte Kinotauglichkeit herzustellen. &#8220;Alle anderen&#8221; wäre hier als gutes Beispiel zu nennen, wo es gelungen ist, durch eine intensive Dramaturgie hohe Aufmerksamkeit zu erzeugen.</p>
<p style="text-align: left;">Die Grundkonstellation ist zwar nicht allzu originell, aber doch nicht ohne Reiz: HANNES (Martin Schleiss) und ANN (Anna Brüggemann) begegnen auf einer einsamen Berghütte dem Vater HANS-GERT (Peter Kurth) sowie dessen junger Geliebter LAVINIA (Rosalie Thomass). Zwischen Vater und Sohn stehen Spannungen und Vorwürfe im Raum, die die Handlung definieren.</p>
<p style="text-align: left;">&#8220;Bergfest&#8221; hat &#8211; dramaturgisch geschickt &#8211; ein Austauschmedium, das auf verschiedenen Ebenen wirksam wird. Denn das Theater spielt nicht nur für Hannes und Hans-Gert eine Rolle, sondern auch vor Ort werden direkte Rollenspiele inszeniert, die ihre Eigendynamik entfalten. Das Thema &#8220;Schein und Sein&#8221; lässt sich so auf verschiedenen Ebenen gut anspielen, und tatsächlich entwickelt der Film streckenweise eine gute Spannung, die die Einschränkungen vorübergehend vergessen lässt.</p>
<p style="text-align: left;">Alles konzentriert sich hierbei auf die Konfrontation zwischen Vater und Sohn. Offenbar lautet der Vorwurf nicht direkt &#8220;sexueller Mißbrauch&#8221;. Sondern Hans-Gert hat &#8220;nur&#8221; als leiblicher Vater den Mißbrauch durch den Stiefvater gedeckt und nicht bekämpft. Verglichen mit der Schwere dieser Vorwürfe steht jedoch das Hauptthema erstaunlich wenig im Raum. Eigentlich interessiert sich das Drehbuch für Hans-Gerts Rechtfertigungen und späte Rechtfertigungen kaum. Der Vater scheint durchaus für Wandlungen und neue Entwicklungen bereit zu sein &#8211; aber er erhält vom Autoren nicht den Raum. Hingegen konzentriert sich die Story auf die destruktive Verweigerung des Sohnes. Hannes reitet sich selbst in eine immer schwierigere Situation, indem er &#8211; wenig plausibel &#8211; mit Lavinia ins Bett geht. Zwar wird die dramaturgische Behauptung dieses Beischlafs durch einen interessanten und überzeugenden Monolog von Lavinia wieder aufgehoben und gebrochen. Dennoch ist die Beziehung zu Ann mutwillig zerstört und Hannes keinen Schritt weiter.</p>
<p style="text-align: left;">An diesem Punkt nun könnte der Film eigentlich wirklich beginnen, seine Figuren in einen schmerzhaften Prozess der Wandlung zu bringen. Doch an diesem Punkt hört er leider ganz einfach auf. Anders gesagt: die Dramaturgie ist so unfertig und unreif wie der Protagonist. Der Prozess des sturen und destruktiven Verweigerns steht im Mittelpunkt, während die Annäherungen und Lösungen außen vor bleiben. Aus Sicht der Hauptfigur Hannes mag das ein Stück weit sogar verständlich sein &#8211; man kann von ihm nicht erwarten, dass der im Handumdrehen sein Trauma des Mißbrauchs überwindet und mit dem Vater Frieden schließt. Doch der Beischlaf mit dessen Geliebter ist ein Ablenkungsmanöver, das niemanden weiter bringt &#8211; und vor allem nicht den Zuschauer, der einem Spiel beiwohnt, das abbricht, bevor es wirklich beginnt.</p>
<p style="text-align: left;">Insofern bringt &#8220;Bergfest&#8221; dann leider erzählerisch trotz einiger starker Sequenzen nicht ganz das Gewicht, das nötig wäre, um eine echte Kinoauswertung mit nennenswerter Resonanz möglich zu machen.</p>
<p style="text-align: left;"><strong>MARKTPROGNOSEN: </strong></p>
<p style="text-align: left;"><strong>Angesichts der äußeren Einschränkungen hat &#8220;Bergfest&#8221; nur extreme Außenseiterchancen. Eine wirkliche Mundpropaganda dürfte sich kaum einstellen. Insofern kann man sich kaum Werte von über 5.000 Zuschauern vorstellen.</strong></p>
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		<title>MAHLER AUF DER COUCH</title>
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		<pubDate>Mon, 12 Jul 2010 08:19:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>roland</dc:creator>
				<category><![CDATA[Blick auf den aktuellen Kinomarkt]]></category>

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		<description><![CDATA[MAHLER AUF DER COUCH
Buch und Regie: Felix Adlon, Percy Adlon
Die Affaire ALMA Mahlers (Barbara Romaner), die nach 9 Ehejahren ihren Gatten GUSTAV (Johannes Silberschneider) mit dem jungen Stararchitekten WALTER GROPIUS (Friedrich Mücke) betrog, ist an und für sich sicher kinotauglich. Da ist einerseits eine hoch romantisierte Liebe zwischen Gustav und seiner Frau, andererseits die sinnliche [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;"><strong>MAHLER AUF DER COUCH</strong></p>
<p style="text-align: center;"><strong>Buch und Regie: Felix Adlon, Percy Adlon</strong></p>
<p style="text-align: left;">Die Affaire ALMA Mahlers (Barbara Romaner), die nach 9 Ehejahren ihren Gatten GUSTAV (Johannes Silberschneider) mit dem jungen Stararchitekten WALTER GROPIUS (Friedrich Mücke) betrog, ist an und für sich sicher kinotauglich. Da ist einerseits eine hoch romantisierte Liebe zwischen Gustav und seiner Frau, andererseits die sinnliche Begierde der unausgelasteten Gattin. Da ist die Freudsche Fehlleistung, dass Gropius einen Brief an seine Geliebte &#8220;versehentlich&#8221; an deren Mann sandte und damit die Affaire ans Licht kam. Und da ist das himmelschreiende Unrecht, dass Mahler seiner Frau verbot, in ihrer Ehe weiterhin zu komponieren. Almas Loyalitätskonflikt ist groß: einerseits der Wunsch, dem berühmten Ehemann eine gute Frau zu sein; andererseits die Kränkung und die sexuelle Begierde. Das alles wird überwölbt durch eine vielleicht übersteigert wirkende, aber emotional wirksame Hingabe aller Beteiligten.</p>
<p style="text-align: left;">Indem &#8220;Mahler auf der Couch&#8221; all dies recht getreu der Biografie erzählt, ja mit geradezu pädagogischem Eifer möglichst viel Details verarbeitet, kann zunächst nicht viel schiefgehen. Der Gefahr, die Fakten allzu sehr umzubiegen, sind die Autoren aus dem Weg gegangen. Lediglich der Besuch Mahlers bei Freuds wurde zwar nicht erfunden (er ist belegt), aber doch auf eine ganz Nacht gestreckt (in Wahrheit waren es nur 4 Stunden gemeinsamer Spaziergang).</p>
<p style="text-align: left;">&#8220;Mahler auf der Couch&#8221; erzählt also eine im Grunde spannende Geschichte. Der Komponist kommt quasi ahnungslos zu Freud und will alle Schuld am Scheitern der Ehe von sich weisen. Der Plot Point Freuds besteht darin, Mahler auf die Spur seiner eigenen Schuld zu schicken. Ganz allmählich dämmert es Gustav, dass es vielleicht nicht so klug war, der Ehefrau das Komponieren zu verbieten.Man konzentriert sich mehr und mehr auf die Entbehrungen, die der Hofoperndirektor seiner Frau diktiert hat. (Wobei man sich fragt, WARUM Alma ihn überhaupt geheiratet hat &#8211; das wird nicht ganz klar). Der Moment, in dem Mahler klar zu Bewusstsein kommt, was er seiner Frau angetan hat, bildet den Höhepunkt und damit quasi Plot Point 2.</p>
<p style="text-align: left;">Das Drama rundet sich also bis zu jenem Punkt, wo &#8211; gemäß der klassischen Dramaturgie &#8211; der dritte Akt einsetzen würde.Dieser letzte Akt ist immer mit einer neuen Zielsetzung der Protagonisten verbunden. Und Mahlers Leben weist genau diese neue Zielsetzung auf: denn diese Affaire war ein letzter entscheidender Wendepunkt. Sein Versuch, die Lieder seiner Frau zu veröffentlichen, sie als Komponistin zu stützen und nunmehr ALLES daran zu setzen, sie ihm wieder gewogen zu machen &#8211; er definiert tatsächlich diese neue Zielsetzung. Und gleichzeitig leitet die innere Aufregung über den möglichen Verlust Almas auch seine tödliche Krankheit ein. Mahler starb nur 10 Monate später &#8211; etwas überspitzt könnte man sagen, an gebrochenem Herzen.</p>
<p style="text-align: left;">Merkwürdiger Weise spart der Film diesen dritten, eigentlich die Tragik erst erfüllenden  Akt aus. Er unterschlägt auch, dass Alma zwar bei Mahler blieb, ihn aber bis zu seinem Tod mit Gropius betrog. Insofern hinterlässt &#8220;Mahler auf der Couch&#8221; einen merkwürdig unfertigen Eindruck. Das dramatische Element ist unbedingt spürbar &#8211; aber die Lösung des Knotens wird uns vorenthalten  (bzw. durch einen Monolog von Bruno Walter direkt in die Kamera merkwürdig eilig abgehandelt).</p>
<p style="text-align: left;">Es entsteht ein amphibischer, halbfertiger Eindruck: einerseits wird das Drama forciert; und andererseits bleibt die Story unbefriedigend, als sei es nur um eine biographisch-pädagogische Nachhilfestunde gegangen, die zudem in einem etwas pädagogisch eingefärbeten, altmodisch wirkenden Flair daherkommt.</p>
<p style="text-align: left;"><strong>MARKTPROGNOSEN: </strong></p>
<p style="text-align: left;"><strong>Die Aussichten sind nicht schlecht. Das Zielpublikum &#8211; ein älteres, gebildetes und vor allem auch an Musik interessiertes &#8211; kann relativ hohe Zahlen garantieren. Diese Zuschauern wird auch die erzählerisch unfertige, z.T. in der Umsetzung auch nicht immer stilsichere Machart wenig stören. Diese Leute zieht es auch in der Hitze nicht unbedingt an den Badesee oder in den Biergarten. Und durch das aktuelle Mahler-Jahr wird das Interesse zusätzlich geschürt. </strong></p>
<p style="text-align: left;"><strong>Man sollte hier also durchaus trotz erzählerischer Mängel von sechsstelligen Zahlen ausgehen.  Wenn ein Film wie &#8220;Ein russischer Sommer&#8221;, der die Geschichte Tolstojs (dramaturgisch viel stimmiger) auf 220.000 Zuschauer bringt, dann müßte &#8220;Mahler auf der Couch&#8221; trotz schwächerer Vorgaben (keine echten Stars, Sommermonate, nicht allzu gute Presse) doch immerhin 100.000 schaffen. Die Tatsache, dass selbst ein so problematisches Werk wie &#8220;Klimt&#8221; noch immer annähernd 50.000 Zuschauer hatte, nährt diesen Verdacht. Nach unserer Einschätzung wird also &#8220;Mahler auf der Couch&#8221; zwar nicht schnell (er wird klein vermarktet), aber doch über eine lange Laufzeit hin sechsstellig werden können</strong><strong>.</strong></p>
<p style="text-align: left;"><strong> R.Z.<br />
</strong></p>
<p style="text-align: left;">
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