‘the human factor’
Dramaturgische Markteinschätzung:
MARIA, IHM SCHMECKTS NICHT
Buch: Jan Weiler, Daniel Speck, nach Jan Weilers Roman
Regie: Neele Leana Vollmar
Der Aufeinanderprall zweier Kulturen bietet Zugehörigkeitskonflikte reinsten Wassers – auch wenn Italien und Deutschland längst nicht mehr im ernsten Konflikt liegen. Wenn der wohlmeinende JAN (Christian Ulmen) seine SARA (Mina Tander) in Süditalien heiraten will und er dabei sogar längere Zeit ganz allein ohne sie zubringen muss, dann ist er als einzelner Ortsunkundiger benachteiligt. Ihm gilt die Empathie ebenso wie in den Rückblenden dem Einwanderer ANTONIO (Lino Banfi), der sich einst in Deutschland als Gastarbeiter durchzusetzen hatte.
Die Voraussetzungen für die emotionale Beteiligung sind also grundsätzlich gut – auch wenn die Rückblenden eher ins Sozialdrama tendieren, während die Gegenwartsebene ganz auf die schnellen Lacher abzielt, was sich teilweise gegenseitig behindert.
Die Schlüsselfigur in diesem Dreieck ist Sara. Sie steht genau im Schnittpunkt: hier der deutsche Geliebte, dort die italienische Familie. Dazu kommt noch ihre Mutter URSULA (Maren Kroymann). Beide Frauen tragen den Loyalitätskonflikt aus: stehe ich zum Mann und zur fremden Kultur, oder verteidige ich die Werte meiner eigenen Herkunft? In diesem Entscheidungsfeld liegt das eigentlich dramatische Potenzial. Was nicht bedeutet, dass Sara die Hauptfigur zu sein braucht – aber SIE hat die Sache in der Hand, um regulierend, unterstützend, erklärend oder auch Grenzen ziehend einzugreifen. An ihr läge es, ihrem Verlobten die Vorzüge der einen UND der anderen Kultur näher zu bringen.
In „Maria ihm schmeckts nicht“ allerdings kommt Sara in dieser Rolle praktisch nicht vor. Sie ist zwar immer mal wieder im Bild – aber ihre Loyalität gegenüber dem Mann, den sie heiraten will, fehlt zur Gänze. Sie hilft ihm nicht, ja sie spricht nicht mal mit ihm (es gibt in Italien nicht eine Szene zwischen den Liebenden!). Dadurch aber bricht das Ziel der Story, nämlich die Hochzeit, in sich zusammen: von Liebe kann ja gar nicht die Rede sein. Sara lässt ihren Mann verständnislos ins Messer laufen.
Durch den Mangel der Loyalität von Seiten Saras brechen die Konflikte zwischen Jan und seinen Schwiegereltern praktisch ungebremst los – und steigern sich zu einer Bitterkeit und Unversöhnlichkeit, die zwischenzeitlich die komödiantische Überhöhung ausschließt. Bisweilen herrscht hier Krieg, der dann durch Äußerungen von Jans Vater noch ins Menschenverachtende gesteigert wird. Irgendwann ist „Maria, ihm schmeckt’s nicht“ nicht mehr die leichte, liebenswürdig-charmante Beschwörung kleiner Missverständnisse, sondern eine Hasstirade (auch von Seiten Saras Mutter, wodurch deren abschließende nochmalige Hochzeit mit ihrem Ehemann ad absurdum geführt wird).
Am Ende haben wir das erstaunliche Wendung, dass nicht etwa eine Liebesbeziehung BESTÄTIGT wurde, sondern dass sie zerbrochen ist. Für eine Romantic Comedy, die “Maria, ihm schmeckts nicht” ja auch sein will, ist das keine günstige Voraussetzung.
Zusammen mit den immer wieder retardierenden Rückblenden, die erst recht das Bittere betonen, sinkt daher beim Publikum die Stimmung zusehends. Von Augenzwinkern und Versöhnung der Kulturen bleibt nicht mehr viel übrig. Während eigentlich der “Culture Clash” in der Regel dazu führt, dass man die Vorzüge beider Kulturen als Bereicherung erlebt, stehen sich hier die Fronten lange Zeit unversöhnlich gegenüber. Die Loyalitäten bleiben allesamt auf der Strecke. Auch im Verhältnis zwischen Jan und seinem Schwiegervater überwiegt die Betonung der Konflikte bei Weitem.
Für eine lockere Sommerkomödie, die von einer heiteren Rivalität zwischen Schwiegervater und Schwiegersohn erzählen soll, bleibt dann menschlich nicht mehr viel übrig. Schade.
PROGNOSE
Die äußeren Faktoren sind exzellent. „Maria ihm schmeckts nicht“ ist scheinbar die ideale Sommerkomödie. Der ca. 1,4 Millionen mal verkaufte Bucherfolg garantiert dem Film eine Mindestzahl von voraussichtlich mindestens 500.000 Zuschauern – vor allem in Anbetracht der Popularität Christian Ulmens. Aber wie befriedigt werden die Zuschauer sein? Werden sie den locker-heiteren Ton des Buches wieder finden? Vielfach vermutlich nicht. Insofern dürfte sich die Weiterempfehlungsrate in Grenzen halten. Am Ende kann man daher nur mit ca. 550.000 bis 600.000 rechnen. Was eine Enttäuschung wäre.
München, 5.8.09
Roland Zag
Lieber Herr Zag, Sie sprechen mir aus der Seele. Ich kam gestern regelrecht deprimiert und sauer aus dem Kino. Bis auf die paar Lacher, die den Szenen aus dem Werbetrailer zu verdanken sind, blieb es auch im voll besetzten Cineplex-Kino in Erding relativ still. Neben Ihren Analysen mache ich zwei weitere Faktoren dafür verantwortlich: 1. Die Farbigkeit des Films ist viel zu düster, sepiabraun-grau. Apulien ist hässlich an vielen Ecken, das haben mein Mann und ich im Dezember 08 leider festgestellt, aber so hässlich nun auch wieder nicht. 2. Hauptdarsteller Lino Banfi als Antonio lässt völlig das gutmütig-liebenswürdige Naturell vermissen, das man im Buch (und auch im Hörbuch) bei ihm findet. Er kommt fast nur als dicker Kotzbrocken rüber, was wirklich schade ist. Empathie habe ich wirklich für keine Figur empfinden können, am ehesten noch für den armen Jan, der, wie sie richtig schreiben, sogar von seiner Zukünftigen im Stich gelassen wird.
Herzliche Grüße von Heidi Rauch