LARS VON TRIERS ANTICHRIST

Buch und Regie: Lars von Trier

Dem Publikumsvertrag komplementär entgegen steht der Kunstvertrag. Im einen Fall stehen universelle Prinzipien und Muster im Mittelpunkt. Im anderen geht es um Musterunterbrechung, Grenzüberschreitung und Innovation.

Selten ist ein Film im Kino so gänzlich dem Kunstvertrag verpflichtet wie “Lars von Triers Antichrist”. Hier tritt der äußerst seltene Fall ein, dass ein Film fast gar nicht auf die Ebene der sozial bedingten Emotionen zurück greift. Empathie spielt in diesem Fall nur ganz marginal eine Rolle.

Zwar könnte man sagen, dass das namenlose Paar (Charlotte Gainsbourg und Willem Dafoe) durch den Tod des Kindes und die daraus erwachsenden Schuldgefühle benachteiligt ist. Und sogar noch die Versuche des Mannes, die Frau zu therapieren und ihr so zu helfen, könnte man entfernt als “Zuwendung für andere” deuten.Aber für die Aufnahme des Films beim Publikum spielen diese Elemente kaum ein Rolle. Schließlich verlieren die Charaktere immer mehr ihr menschliches Profil. Vor allem die Frau scheint im Verlauf der “Handlung”(?) zunehmend “besessen” zu sein, sie wird zur Trägerin dämonischer Kräfte. Auch das Verhalten des Mannes folgt nicht mehr den Prinzipien des menschlichen Zusammenlebens.Entsprechend kann man schwer empathisch Anteil nehmen.

Viel wichtiger werden in “Antichrist” die Schockeffekte auf visueller und akustischer Ebene, die ganz auf unmittelbar sinnliche Reize (ungewohnte sexuelle Details; Ekel;  Angsteffekte) abzielen.

Zugleich richtet sich der Film in erster Linie an eine intellektuell-rationale Wahrnehmung: wie hängen die rätselhaften Begebenheiten zusammen? Was will uns der Autor sagen? Und wie stehen wir moralisch zu den vielen Tabubrüchen und Genreverletzungen, die sich Lars von Trier erlaubt?

Auch die geradezu dreiste Reanimierung von reaktionären Hexenmythen, die die Frau an sich als “böse” abstempeln könnten, findet auf einer intellektuellen Ebene statt, berühren aber wohl kaum das Herz eines Zuschauers.

Insofern steht das unmittelbar zwischenmenschliche Verhalten eindeutig nicht im Mittelpunkt.

MARKTPROGNOSE:

Filme wie diesen gibt es äußerst selten. Ihre Heimat ist in der Regel der Kunstmarkt, also die Galerie bzw. das Museum. Dass sich “Lars von Triers Antichrist” überhaupt ins Kino durchgekämpft hat, ist schon sehr bemerkenswert und verdankt sich praktisch ausschließlich der Ebene der Grenzüberschreitung und Musterunterbrechung (samt öffentlicher Erregung, Diskussion und Empörung, die natürlich gezielt gesteuert ist). Der Film ist ein “Must see” für alle Intellektuellen und Cineasten, weil er die Grenzen des Möglichen der Filmkunst neu vermisst.

Dass sich allerdings durch pures “Gefallen” oder “Berührt sein” eine Mundpropaganda einstellt, ist doch eher nicht zu erwarten.

Das Publikum für solche Filme ist – egal, wie kontrovers und heftig sie diskutiert werden -klein. Mehr als 50.000 Zuschauer kann man sich schwer vorstellen. Dafür, dass der Film aber rein emotional so gut wie nichts zu bieten hat, ist dieser Wert doch wieder vergleichsweise sehr hoch. Ohne den klangvollen Namen des Autors hätte der FIlm im Kino eigentlich kaum Chancen.

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