the human factor - Emotionale Energie-Entwicklung im Drehbuch © by Roland Zag  
 
 
 
 
 
 
 
 

25. September 2009

OBEN

Abgelegt unter: Internationales Kino — roland @ 10:17

OBEN

Buch: Bob Peterson; Pete Docter

Regie: Pete Docter

Animationsfilme aus dem Hause Pixar bilden eine Liga für sich. “Findet Nemo” oder “Ratatouille” haben Maßstäbe gesetzt, in jeder Hinsicht. Der überwältigende Erfolg ist also quasi im Voraus gebucht, ein Millionenpublikum sicher.

Dennoch lohnt es sich, genau hinzusehen. Gerade “Nemo” und “Ratatouille” waren auch in Bezug auf den ‘human factor’ Lehrbeispiele.

Auch “Oben” hat hier eine Menge zu bieten: die Liebesbindung von CARL an seine verstorbenen ELLIE bzw. deren Lebenstraum, ein Häuschen an den Paradiesfällen zu besitzen. Carl macht es sich zur Aufgabe, den Traum seiner Frau posthum zu verwirklichen. Aus einer ähnlichen Anlage heraus kam auch “Hanami – Kirschblüten” zu einem erstaunlichen Erfolg. Denn das Weiterleben einer ideellen Bindung über den Tod hinaus ist ein wichtiges Element der emotionalen Prinzipien und wird hier sehr wirkungsvoll zur Geltung gebracht.

Durch Carls blinden Passagier, den dicklichen RUSSELL, entsteht einerseits Konfliktstoff; andererseits aber auch genügend Angriffsfläche, um die Wandlung des Charakters vom bitteren alten Mann zum lebendigen Freund deutlich werden zu lassen. Carl muss lernen, sich wieder sozial neu zu verorten und wieder in der Gegenwart zu leben. Natürlich geschieht das über eine Annäherung an Russell.

Durch den Paradiesvogel KEVIN sowie den Hund DUG entsteht gegen Ende noch einmal mehr Gemeinschaftsgefühl. Und im Antagonismus zu CHARLES MUNTZ hat der Film (allerdings erst spät) auch eine echte Gegenkraft, die Gefahr verströmt.

Dennoch darf man sich Gedanken machen, ob “Oben” wirklich z.B. an “Ratatouille” heranreicht.

Denn auf Anhieb ist klar, dass die soziale Relevanz im Falle eines Tieres, das den Kontakt zur eigenen Sippe verloren hat, ungleich größer ist als im Falle eines alten, einsamen Mannes, der sich nur eine fixe Idee in den Kopf gesetzt hat. Und das In-Schwung-Halten eines Restaurants ist sozial gesehen doch ungleich komplexer und dynamischer als ein Häuschen am Wasserfall – bzw. dem gemeinsamen Zählen von Autos (was in “Oben” als sozialer Gegenentwurf idealisiert wird). “Oben” hat hier Defizite, die schwer zu kompensieren sind.

Aber auch in Bezug auf die ganz elementaren dramaturgischen Regeln weist “Oben” Mängel auf, die fast erstaunlich wirken. Denn die Binnenweisheit, dass der Held einer Story im besten Fall nur EINER Richtung folgen sollte, bestätigt sich auch hier. Carls Flug nach Südamerika, sein eigentliches Ziel, ist erstaunlich bald und widerstandlos erreicht (und zwar unter sträflicher Vernachlässigung aller Gesetze der Wahrscheinlichkeit). Das Abenteuer der Ballonreise über Kontinente hinweg ist zu Ende, kaum dass es begonnen hat.

Sobald aber dann Charles Muntz, der steinalte Naturforscher, ins Spiel kommt, stellt sich eine ganz neue Zielsetzung ein, die mit der bisherigen wenig zu tun hat: plötzlich geht es darum, einen seltenen Vogel zu retten. Der Film ändert also seine Richtung recht abrupt, und der Spannung hilft das nicht.

Man darf sich aber auch fragen, ob die Interaktion zwischen dem bitteren alten Carl und dem kleinen Jungen Russell wirklich optimal ausgereizt wurde. Ist Russells Motivation, nur noch eine Plakette mehr zu erzielen, wirklich optimal stark? Wäre es nicht reizvoller, dem Kind deutlich mehr Benachteiligung mit auf den Weg zu geben?! Und kommt es zwischen dem alten Mann und dem Kind WIRKLICH zu Austausch (also auf menschlicher Ebene – nicht nur in Bezug auf die äußerlichen Hilfsmaßnahmen, die ihnen beiden das Leben retten?). Das Thema “Verständigung über Generationen hinweg” ist heute aktueller denn je. Verglichen mit der Brisanz des Stoffs bleibt der Ertrag doch eher mager.

Bleibt noch die Frage nach Ellie. Die verstorbene Frau wird zu Beginn des Films recht virtuos ins Bild gesetzt. Später dagegen verschwindet sie eher aus dem Focus. Warum es das Paar nie geschafft hat, über relativ langweilige Eheszenen hinaus den Ruf nach Abenteuer umzusetzen, vermag sich nicht ganz zu erschließen. Ein klein wenig bleibt das bescheidene Eheglück doch auch Behauptung. Das kinderlose, materiell gut versorgte Paar hätte wohl Gelegenheit gehabt, sich die Welt anzuschauen. Warum haben sie es nicht getan? Man grübelt.

Rechnet man alles zusammen, ist die Antwort klar: nein, “Oben” erreicht nicht die Maßstäbe, die durch “Findet Nemo” oder “Ratatouille” gesetzt wurden. Und das wird sich – trotz aller Vorschusslorbeeren – auch im Markterfolg niederschlagen.

MARKTPROGNOSE

Das Millionenpublikum ist, wie gesagt, einem Film wie “Oben” sicher. Aber hier schwankt das mögliche Spektrum zwischen 2 Millionen (für “Cars”, den in letzter Zeit am wenigsten erfolgreichen Pixar-Film) und 8 Millionen für “Findet Nemo”.

“Oben” wird sich eher an den 2 Millionen von “Cars” orientieren. Allerdings muss man bedenken, dass der in letzter Zeit deutlich spürbare Zusatzeffekt für 3D-Filme wirksam werden dürfte. Also kann man letztlich dann doch mit Ergebnissen um die 3 Millionen rechnen (das wäre so viel wie “Wall-E”).

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