Vorbemerkung:

Da ich persönlich an der Stoffentwicklung von “Wüstenblume” beteiligt war, fühle ich mich in der Einschätzung dieses Films befangen.

Ich veröffentliche anstatt dessen einen Artikel von Norbert Maass (was in der Vergangenheit schon öfters der Fall war und auch in Zukunft geschehen wird). Der Text gibt seine persönliche Meinung wider, die sich nicht immer mit der meinen decken muss. Die Marktprognose stimmt aber in etwa mit der meinen überein.

WÜSTENBLUME

Buch und Regie: Sherry Hormann

Wie schrecklich die jeden Tag aufs Neue tausendfach stattfindende Genitalverstümmelung von Frauen ist, haben schon viele Millionen Menschen gelesen; unter anderem im Weltbestseller „Wüstenblume“ von Waris Dirie. Aber konkret in Berührung damit kamen bisher wohl nur sehr wenige. Insofern hat ein Film, der von Beschneidung handelt und es wagt, eine solche Szene gegen Ende zu zeigen, eine einzigartige aufrüttelnde Dimension, die heftig schockieren und bewegen wird.

Das gewaltige Unrecht, das hier ein drei Jahre altes Mädchen erleidet, kann kaum größer und unverschuldeter sein. Die größtmögliche Menge an Empathie wird ihm entgegen gebracht werden; ebenso wird sich wohl bei den allermeisten Zuschauern der unmittelbare Wunsch einstellen, diese brutalen Beschneidungen sollen augenblicklich aufhören.

Zusätzlich wird die mögliche emotionale Anteilnahme im Film durch die schwierige Situation in London verstärkt, die auf die Vorgeschichte in Somalia folgt. WARIS DIRIE (Liya Kebede) schlägt sich von Tag zu Tag ohne Dach über dem Kopf mit Gelegenheitsjobs durch, bis sie eines Tages von der Angestellten MARILYN (Sally Hawkins) erwischt wird und von nun nicht mehr von ihrer Seite weicht. Die beiden Frauen könnten unterschiedlicher kaum sein: auf der einen Seite die beschnittene Afrikanerin, die allein auf sich gestellt ums Überleben in der Großstadt kämpft; auf der anderen Seite die quirlige und lebenslustige westliche Singlefrau, die von einer Karriere als Tänzerin träumt und ihr Leben auch sexuell erfüllt sehen will.

Die Szene, in der Waris ihrer Freundin ihre Wunde zeigt, gehört sicher zu den Höhepunkten des Films. Marilyn entwickelt ein großes Herz und starkes Commitment, was die emotionale Dynamik der Geschichte deutlich anfacht. Vor allem als Waris bei der Arbeit im Fastfoodrestaurant den berühmten Modefotographen DONALDSEN (Timothy Spall) kennen lernt, bringt ihr Marilyn in einer schwungvollen Szene das richtige Laufen und Bewegen bei, damit sie die Probeaufnahmen meistert. Es entsteht eine schöne und starke Bindung, die viel Emotion auslöst.

Leider verliert die Geschichte in dem Moment, als Waris’ Karriere durchstartet, Marilyn zunehmend aus dem Blick. Dafür wird aber noch mal für einen dramatischen Rückschlag gesorgt, als Waris wegen ihrer abgelaufenen Aufenthaltserlaubnis dringend die Hilfe von Marilyn und der Gemeinschaft in ihrem Apartmenthaus braucht. Es kommt zu einer Notheirat mit dem Hausmeister NEIL (Craig Parkinson), die im weiteren Verlauf ordentlich schief geht und noch für einige Spannung sorgt.

Ansonsten klappt die Karriere vor allem dank des großartigen Mentoren Donaldsen hervorragend, ohne allerdings allzu viel über die Modewelt zu erzählen, was man nicht schon wüsste. Handlungswirksam wird dann die Begegnung mit dem New Yorker HAROLD (Anthony Mackle), mit dem Waris mal in London geflirtet hatte, als Marilyn ihr einen Discobesuch verordnete. Waris bleibt zwar Männern gegenüber spürbar zurückhaltend;  doch bei einer US-Reise traut sie sich, ihn zu besuchen. Allerdings schafft es der Film dann nicht mehr, die angedeutete Liebesgeschichte wirklich zum Abschluss zu bringen. Für ausreichende Begegnungen mit Geben und Nehmen bleibt keine Zeit. Und ein Zusammenkommen der beiden wünscht sich wohl auch kaum ein Zuschauer mehr, nach dem er die Reaktion von Harold auf Waris großes Enthüllungsinterview ihrer Beschneidungsgeschichte gesehen hat: er gibt in dem Cafe damit an, sie zu kennen, statt bestürzt auf den wirklichen Grund ihrer Zurückhaltung einzugehen.

In gewisser Weise kann es als Nachteil wahrgenommen werden, dass der unglaublichen, aber wahren Erfolgsgeschichte mit schrecklicher Vorgeschichte der Antagonist fehlt. Letztlich sind die zahllosen weiblichen Verwandten der Opfer und Medizinfrauen die Täterinnen, die das kulturell geprägte und jahrhunderte alte Ritual des Grauens – aus welchen Gründen auch immer – scheinbar unaufhörlich fortsetzen. Besonders schwer zu ertragen ist es, dass die konkreten Täterinnen gegen die Menschenwürde und das Recht auf körperliche Unversehrtheit sowie sexuelle Selbstbestimmung verstoßen, aber selbst kein Schuldbewusstsein haben. Sie meinen, in Übereinstimmung mit den Regeln und Traditionen ihrer sozialen Gemeinschaft zu handeln. Diese Unerträglichkeit wirkt im Film „Wüstenblume“ ganz besonders extrem, da die Täterinnen nicht zur Rechenschaft gezogen und bestraft werden, wie es das allgemeine Zuschauerempfinden wünschen würde. Der Wunsch nach Ausgleich dieser schreienden Ungerechtigkeit bleibt unerfüllt.

Es wird nur ein Zeichen der Hoffnung gegeben, in dem Waris Dirie die wirkungsvolle Gelegenheit erhält, eine anklagende Rede vor den Vereinten Nationen in New York zu halten. Ein großer, bewegender Moment, bei dem nur schade ist, dass wir die Reaktionen der vielen Menschen nicht sehen, die ihren Weg in Somalia und London, aber auch auf den Laufstegen der Welt begleiteten; dadurch wäre die soziale Relevanz und emotionale Wirkung meines Erachtens noch erheblich gesteigert worden.

Aber auch so ist etwas enorm Wichtiges und Wirkungsvolles gelungen: ein extrem schwieriges Thema, das sich eigentlich kaum für die große Abendunterhaltung oder als Dating Movie eignet, doch unterhaltsam, brisant und im Grunde genommen breitenwirksam umgesetzt zu haben. Emotional kalt lassen wird dieser Film wohl niemand.

MARKTPROGNOSE:

Angesichts von ungefähr drei Millionen verkauften Exemplaren des Buches allein in Deutschland kann wohl davon ausgegangen werden, dass etwa eine halbe Million Besucher – wohl überwiegend Frauen – die Verfilmung unbedingt sehen werden wollen. Das ist also in gewisser Hinsicht eine sichere Bank.

Allerdings ist es nur schwer vorhersehbar, wie viele sich noch von dem schwierigen Thema und der aufwühlenden Verfilmung angesprochen fühlen und tatsächlich den Schritt ins Kino wagen werden. Es erscheint doch eher vorstellbar, dass die Kinomotivation trotz der enormen Relevanz und Bekanntheit darüber hinaus begrenzt bleiben wird. Auch ist anzunehmen, dass aufgrund der nicht völlig überzeugenden Adaption und der  schwer erträglichen Wirkung der Beschneidungsszene die Weiterempfehlungsraten nicht nur positiv, sondern auch gemischt ausfallen werden.

Insofern sind von „Wüstenblume“ eher keine siebenstelligen Zahlen zu erwarten, auch wenn sie dem Thema und der Lebensgeschichte durchaus zu wünschen wären. Zu erwarten sind zwischen 500.000 und 800.000 Zuschauer. Wenn es allerdings richtig gut läuft und der Film auch in den Multiplexen positiv angenommen wird, können es auch annähernd 1 Million werden. Aber darüber hinaus wird es „Wüstenblume“ wohl nicht schaffen.

Norbert Maass, 24. September 2009

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