AVATAR -AUFBRUCH NACH PANDORA

Buch und Regie: James Cameron

Schon jetzt ist dieser Film der zweiterfolgreichste aller Zeiten, und er hat gute Chancen, “Titanic” zu überflügeln. Noch dazu hat “Avatar” das Handicap, nur bedingt auf Stars zurückzugreifen. Während “Titanic” unter anderem auch durch seine Stars wie Leonardo di Caprio gehypt wurde, muss der neue Film auf diesen Faktor verzichten. Man darf sich fragen, ob dies ausschließlich auf den innovativen visuellen 3D-Techniken beruht. Dann wäre die erzählte Story mehr oder weniger zeitrangig und beliebig, der Film ein erzählerisch belangloses Spektakel.

Vielleicht beruht aber Camerons fast erschreckendes Talent für Welterfolge auch auf einer besonderen Begabung für den ‘human factor’. Und bei genauerer Prüfung liegt Letzteres vor: “Avatar” bringt nicht nur visuell die Filmgeschichte auf eine neue Stufe, sondern bis zu einem gewissen Grad auch die emotional wirksame Erzähltechnik.

Denn das Grundprinzip des ‘human factor’, nämlich die Fragen nach Zugehörigkeit sowie Geben und Nehmen werden auf singuläre Weise bespielt, wie es bisher eigentlich kaum möglich schien. Kaum ein anderer Film bisher vermochte es bisher, die Frage nach der Zugehörigkeit so radikal zu stellen: JAKE SULLY (Sam Worthington) muss sich mit fortschreitender Handlung nicht nur entscheiden, ob er lieber ein Mitglied der Navi – und damit einer völlig anderen Gattung von Lebewesen – zugehörig sein will, oder ob er sich den Menschen zugehörig fühlt. Sondern durch die Doppelung der Körper entsteht hier auch ein handfest physikalischer Konflikt. Solange Jake in seinem Körper steckt, kann er nie ganz und gar Navi werden. Er muss sich nicht nur mental entscheiden, wohin er will. Er muss körperlich den letzten Schritt tun und sterben, ehe er als Navi wieder geboren werden kann.

Dadurch, dass sich dies parallel auf seelischer und körperlicher Ebene abspielt, wird die Zugehörigkeitsthematik quasi verdoppelt: Jake muss gleich zweimal entscheiden, wo er hin will – physisch und psychisch. Und seine Transformation ist am Ende erst in dem Moment befriedigend gelöst, wo er sich nicht nur sozial, sondern auch noch rein stofflich von seinem Menschsein, also seinem Körper gelöst hat.

Man erlebt also mit nicht zu überbietender Klarheit das Prinzip: Jake ist ein Mensch zwischen zwei Welten. Auf der einen Seite die Bindung an die alte Zugehörigkeit, mit dem “Klebstoff” der Loyalität (bzw. dem Geben und Nehmen, denn Jake ist seinen Auftraggebern was schuldig, und er bekommt für seine Dienste neue Beine). Und auf der anderen Seite ist die Sogwirkung, die von der neuen Zugehörigkeit ausgeht, an Attraktivität kaum zu überbieten: als Navi ist Jake nicht nur sozial in einer ungleich befriedigenderen Umgebung. Er hat auch einen Körper, der unvorstellbar mehr Lustgewinn bietet.  Klarer und wirkungsvoller als hier geht es wirklich nicht.

Hinzu kommt die gewaltige soziale Relevanz. Jake kann mit seinem Verhalten dazu beitragen, nicht nur ein Volk, sondern fast einen ganzen Planeten vor der drohenden Zerstörung zu bewahren. Daneben sind natürlich auch die Unrechtsgefühle gegenüber der drohenden Ausbeutung an Wirkung kaum zu übertreffen, nicht zu vergessen die Beschwörung einer höheren Art von Intelligenz, die der Natur zugrunde liegt und die die Navi zu nutzen wissen.

Zuletzt wird auch immer wieder der Gemeinschaftsfaktor beschworen – auch dies in kaum vorstellbarem Maß, etwa wenn ein ganzes Volk sich energetisch darauf konzentriert, bestimmte Rituale auszuführen oder, wie ganz am Schluss, die Transformation aus dem menschlichen Körper in die neue Navi-Existenz herbeizuführen.

James Cameron ist hier also in Sachen ‘human factor’ in Dimensionen vorgestoßen, die zuvor fast unzugänglich erschienen: er erzählt Zugehörigkeitskonflikte mit einer sozialen Relevanz, die ihresgleichen suchen. Der Erfolg des Films hängt also ganz sicher nicht nur mit der neuen visuellen Technik zusammen. Die emotionalen Wirkungen sind ebenfalls überlebensgroß – 3D gewissermaßen.

Da fällt es nicht so sehr ins Gewicht, dass auf der Ebene der Navi selbst das soziale Leben eher enttäuschend dargestellt wird.Die Einbettung von NEYTIRI (Zoe Saldana) in ihre Welt kommt nur schwach vor, und die Rivalität zwischen Jake und Neytiris Verlobtem wirkt platt. Leider wurde hier die Chance nicht genützt, ein Volk zu zeigen, das nicht nur in Bezug auf die Natur höhere Sensibilität aufweist, sondern auch hinsichtlich der Gesetze des Zusammenlebens. Weshalb am Ende dann doch auf ein großes Geballer hinausläuft, das nun mehr mit Videogames als mit storytelling zu tun hat.

Offenbar haben aber diese schwächeren Aspekte auf den Erfolg kaum Auswirkung. Wer einmal von der unglaublichen Sogkraft der Story selbst gefangen genommen wurde, geht auch bei den redundanten Schlachtengemälden am Ende emotional mit. Denn “Avatar” hat ja, s.o., noch den letzten Pfeil der Zugehörigkeit  im Köcher: wie wird es Jake schaffen, sich ganz aus seiner menschlichen Existenz zu lösen und hinüber zu wechseln in die bessere, schönere Welt?! Am Ende steht dann doch wieder eine letzte Fragestellung nach der Zugehörigkeit, und sie bildet die absolute Pointe in einem in jeder Hinsicht Maßstäbe setzenden Spektakel.

FAZIT:

Hier noch Prognosen abzugeben, wäre absurd. “Avatar” spielt nicht nur filmtechnisch, sondern auch in Bezug auf den ‘human factor’ in einer anderen Liga. Die wichtigsten Prinzipien: Zugehörigkeit, Geben und Nehmen, Loyalitätskonflikt, soziale Relevanz, Gemeinschaftsgefühl… sie alle kommen in diesem Film in fast überdimensionaler Weise zum Einsatz. Die Leistung James Camerons ist also nicht nur die eines technischen Innovators, sondern auch die eines Erzählers, der es wie kaum ein Zweiter schafft, den “Publikumsvertrag” effektiv für seine Zwecke einzusetzen. Insofern ist der Erfolg von “Avatar” auch ein weiterer Beweis für die Gültigkeit der emotionalen Prinzipien filmischen Erzählens.


Comments are closed.