GIULIAS VERSCHWINDEN
Buch: Martin Suter; Regie: Christoph Schaub
Die Prämisse ist stark. Sie geht davon aus, dass Frauen ab dem 50.Lebensalter gleichsam verschwinden. Man bemerkt sie nicht mehr. Die Benachteiligung ist hoch, und wenn es wie in diesem Film gelingt, genau gegen dieses Verschwinden erfolgreich anzukämpfen, und wenn das auch noch im Sozialkontakt geschieht, sind die Voraussetzungen gut.
Dazu kommt die fürs Zielpublikum attraktive Besetzung und der Name des inzwischen im deutschsprachigen Raum doch sehr bekannten Autors. Martin Suter erweist sich auch tatsächlich als pointierter Dialogschreiber einiger einprägsamer und scharfzhüngiger “One-Liner”. “Giulias Verschwinden” startet also grundsätzlich mit positiven Vorzeichen und einem dankbaren, großen Zielpublikum.
Leider kommen dann aber doch Einwände hinzu. Denn der titelgebende und tatsächlich emotional positive Erzählstrang ist nur einer von vieren. Man muss lange warten, bis GIULIA (Corinna Harfouch) auf JOHN (Bruno Ganz) trifft. Zwischenzeitlich werden drei weitere Geschichten angerissen.
Eine davon betrifft ein junges Mädchen, das Ladendiebstahl begeht und von den zerstrittenen Eltern bei der Polizei abgeholt wird. Mit dem Hauptthema hat das wenig zu tun, und die emotionale Temperatur ist eisig. Ein zweiter Strang erzählt die Emanzipation einer älteren Dame aus dem für sie demütigenden Käfig eines Altersheims. Dieser Ausbruch wird mit fast asozialer Illoyalität inszeniert, die in einer Tortenschlacht endet. Auch hier herrscht die zynische Bitterkeit vor. Ein drittes Handlungssegment beschreibt, wie Giulias “Freunde” auf das Geburtstagskind warten, sich aber um sie kaum Gedanken machen und nur mit eigenen Problemen beschäftigt sind. Man erkennt spätestens am Ende des Films, dass diese Freundschaft nicht viel wert ist und von Giulia im Handumdrehen gekündigt werden kann. Zwischenmenschlichkeit entsteht also auch hier kaum, und wenn, dann im Negativen.
Bleibt also nur noch der Abend zwischen Giulia und John. In der Tat scheint John der einzige, der mit dem Thema “Altern” souverän und unverkrampft umzugehen vermag. Darin liegt Attraktivität. Gemindert wird dies jedoch durch seine Philosophie der Unverbindlichkeit (die auf Illoyalität hinausläuft) und die Tatsache, dass er eigentlich nur schwindelt. Ganz zu trauen ist ihm nicht, aber wenigstens fährt er im letzten Bild mit Giulia davon.
Was Giulia selbst angeht, fehlt ihr die soziale Vernetzung. Sie ist ein leeres Blatt, man erfährt von ihr nichts anderes, als dass sie Geld ausgeben gelernt hat. Emotional ist das nicht viel. Entsprechend geht auch von dieser Ebene wenig Strahlkraft aus.
Unterm Strich ist das Bild des Films also durchwachsen. Langen Strecken nachlassender dramatischer Spannung und emotionaler Dürre steht ein recht kurzer Abschnitt von echtem Austausch entgegen, der selbst wieder nicht ganz uneingeschränkt zur Wirkung kommt.
MARKTPROGNOSE:
Die günstigen äußeren Faktoren werden zunächst ein recht großes und dankbares Zielpublikum ins Kino ziehen. Doch die Weiterempfehlung könnte dürftig bleiben und zu einem frühen Nachlassen des Interesses führen. Insgesamt ist ein Ergebnis in der Nähe von “Die Herbstzeitlosen” vorstellbar (um die 200.000), doch eher drunter als drüber. Absolut gesehen wäre das kein schlechtes Ergebnis, verglichen mit den guten Möglichkeiten jedoch aufgrund mangelnder emotionaler Qualitäten enttäuschend.