UP IN THE AIR
Buch: Jason Reitman, Sheldon Turner, nach Walter Kirn; Regie: Jason Reitman
Die Prämisse ist brillant. Vom ersten Bild an ist das Ungleichgewicht hergestellt, das die Empathie weckt: Ryan Bingham geht einem schmutzigen Geschäft nach, indem er Mitarbeitern wildfremder Firmen die Nachricht der Kündigung überbringt. Das Mitgefühl des Publikums gilt den Entlassenen.
Der Film arbeitet im weiteren Verlauf ambivalent gegen das von Beginn an gesetzte Bild des “Arschlochs” an: Bingham ist kein Unmensch, sondern ein kluger, gebildeter Mensch mit prinzipiell gutem Herz. Dennoch kann man ihn aufgrund seiner Tätigkeit und seinem philosophischen Credo (”Soziale Kontakte sind nur beschwerender Ballast, den man besser zurücklässt”) nicht anders als negativ verbuchen. Das Prinzip der ausgleichenden Gerechtigkeit lässt keine andere als eine negative Lösung zu, und diese wird auch erreicht. Das “unhappy end” des Films ist in Wahrheit ein befriedigendes. Bingham wird ein Dämpfer versetzt. Er fährt mit seiner Philosophie gegen die Wand und muss erkennen, wie bedeutungs- und trostlos sein Lebensentwurf bisher war. All das verläuft zwingend.
Und auch hier wird wieder nicht nur moralisiert. Das Bild des Protagonisten bleibt klug in der Schwebe. Denn Bingham wirkt zwar bis zum Schluss als Verdränger, der Falschaussagen macht, um sich rein zu waschen. Aber er leistet auch Beiträge, indem er die Ehe seiner Schwester rettet und seiner Ex-Mitarbeiterin einen neuen Job verschafft. Der Film enthält sich also eindeutiger Stellungnahmen. Und doch plädiert er unausweichlich für die Qualität menschlicher Bindung – was ihm zur insgesamt weitgehend befriedigenden Gesamtwirkung verhilft.
Zwischen dem smarten, aber auch aseptisch kalten Bingham der ersten Einstellungen und seiner dramaturgischen Abwertung, die ein erster Schritt in Richtung Läuterung sein könnte, liegen allerdings lange Strecken. Sie sind zwar intelligent geschrieben, aber eben dramatisch und emotional doch auch mitunter wenig ergiebig. Der Mangel an sozialer Vernetzung lässt es oft einfach nicht zu, berührt zu werden. Man amüsiert sich eher, und das reicht emotional nicht immer aus, um die Spannung zu erhalten.”Up in the Air” wirkt zu einem guten Teil eher intellektuell als tief.
Auf der anderen Seite entwickelt der Film dann doch auch wieder eine große soziale Relevanz, die ihm hilft. Nicht nur kommen immer wieder die entlassenen Angestellten zu Wort. Sondern letztlich wird auch ein Zeitgeistphänomen beschrieben. Das Thema der nachlassenden Empathie, der Unverbindlichkeit und wachsenden sozialen Gleichgültigkeit zieht sich konsequent durch den Film. An diesem Punkt ist das öffentliche Interesse groß, und insofern stößt “Up in the Air” trotz der vorherrschenden emotionalen Kühle an Punkte, wo das Empfinden der Zuschauer aufs Höchste geschärft ist. Die sozialen Katastrophen der Wirtschaftskrise, von denen täglich in den Nachrichten zu lesen ist, haben oft kein Gesicht, keine Protagonisten, keine augenscheinlich Schuldigen. Man sieht als ‘kleiner Mann’ nicht hinter die Kulissen des kapitalistischen Systems. Hier hilft “Up in the Air”. Auch Bingham ist kein Schuldiger – aber einer, der sich willenlos instrumentalisieren lässt. Insofern bietet er dem Zuschauer das Modell für einen menschlichen Typus, der das Wirtschaftsleben dominiert. Die Rechnung des Films geht insofern gut auf: “Up in the Air” schildert einerseits eine Figur ‘you love to hate’, und bietet andererseits die befriedigende Lösung, dass ihr das Prinzip der ausgleichenden Gerechtigkeit widerfährt.
MARKTPROGNOSE:
Grundsätzlich ist “Up in the Air” durch seinen aseptischen, eher intellektuell-kühlen Grundduktus nicht unbedingt ein Mainstreamfilm. Dennoch wirkt er nicht nur befriedigend, sondern auch thematisch ausgesprochen relevant. Die ideale Besetzung mit George Clooney tut ein Übriges.
Man kann dem Film insofern ziemlich gute, aber keine überragenden Ergebnisse zutrauen. Bis zu einer Million Zuschauer dürfte es wohl nicht reichen. Aber Werte zwischen 500.000 und 600.000 (mehr als doppelt soviel wie für “Thank you for Smoking”) sind für Produktionen dieser Größenordnung am gegenwärtigen Markt gut denkbar.