DER GHOSTWRITER
Buch: Roman Polanski und Robert Harris; Regie: Roman Polanski
Wenn Politiker lügen, handelt es sich um eine Form der Illoyalität, an die sich viele schon gewöhnt haben. In gewisser Hinsicht belegt der neue Film von Roman Polanski diese – relativ banale – Beobachtung. Sobald sich herausstellt, dass der klar an Tony Blair angelehnte britische Ex-Premier ADAM LANG (Pierce Brosnan) in Bezug auf illegale Folterungen und dubiose CIA-Kooperationen die Öffentlichkeit angelogen hat, scheint das lange Zeit nur ein Häuflein Demonstranten und die Medien aufzurütteln, aber nicht eine richtig große soziale Relevanz zu entfachen.
Auch das Thema Politiker-Biographie wirkt nicht ausnehmend spannend für einen Politthriller, handelt es sich doch, wie der namenlose Ghostwriter (Ewan McGregor) anfangs bemerkt, um dicke Schinken, die niemand liest. Auch Filme über politische Verschwörungen erfreuen sich selbst mit Starbesetzung oftmals keiner außerordentlich großen Beliebtheit beim Kinopublikum.
Dennoch gelang schon dem Bestsellerautor Robert Harris mit seiner Vorlage über den fiktiven Politiker und seinen Biographen ein weiterer Bucherfolg. Betrachtet man nur die Drehbuchebene, so gelingt es, einen raffinierten, humorvollen und spannenden plot zu entwickeln. Hinzu kommen die Meldungen über die reale Verhaftung des legendären Regisseurs in der Schweiz und eine mögliche Überstellung in die USA. Dadurch ist dem Film ein großes Anfangsinteresse sicher und die Voraussetzung für einen Publikumserfolg günstig.
Blicken wir allerdings genauer auf die psychologische und emotionale Spannungsebene des Films, wird die Einschätzung nüchterner. Woran liegt das? Zunächst mal an der nicht nur namenlosen, sondern weitgehend beziehungslosen Hauptfigur. Außer dem befreundeten Agenten, der ihn für den Job als Biographen des Ex-Premiers vorschlägt, gibt es keine weitere Figur, mit der er in Beziehung steht. Die soziale Vernetzung lässt also zu wünschen übrig. Es fällt entsprechend schwer, dem Protagonisten emotional zu folgen. Die Sogwirkung des Films entsteht, wenn überhaupt, nur auf der Handlungsebene.
Dazu trägt auch der gehörige Mangel an Commitment bei. Der Ghostwriter zeigt von Anfang an wenig Interesse an der bevorstehenden Arbeit; er muss regelrecht überredet und mit einer Viertel Million Pfund gelockt werden. In gewissen Phasen gerät die eigentliche Aufgabe weitgehend aus dem Blick. Auch sein Verhältnis zu Adam Lang ist bestenfalls neutral und verstärkt sich im Laufe der Handlung kaum. Der ehemalige Regierungschef war niemals ein Vorbild für ihn. Entsprechend kann er keine große Enttäuschung bei ihm auslösen, wenn sich seine Verstrickung in dubiose Machenschaften scheibchenweise herausstellt. Gerade in dieser Verbindung hätte bedeutend mehr emotionales Spannungspotential gelegen, als es schlussendlich zum Tragen kommt.
Etwas mehr Commitment entsteht erst, als der Protagonist vom neutralen Biographen zum Ermittler wird. Die Frage allerdings, ob Lang nun wirklich ein Kriegsverbrecher ist und zu Recht vom internationalen Gerichtshof angeklagt wird, interessiert ihn allenfalls am Rande – und nimmt dieser Komponente viel von ihrer Relevanz und Wirkung. Zudem wirkt der Plot an dieser Stelle auch insgesamt übertrieben und unglaubwürdig. Zwischen der Maßlosigkeit der Vorwürfe und der doch überschaubaren Empörung der Öffentlichkeit, die wir tatsächlich sehen, klafft eine erhebliche Lücke. Die soziale Relevanz wird nicht spürbar.
Die Anordnung der Figuren in der Welt rund um Adam Lang weist grundsätzlich reizvolle Fallstricke auf. Sowohl zwischen dem Ex-Premier und seiner Frau als auch zwischen ihm und seinem ehemaligen Außenminister droht der Biograph böse zwischen die Stühle zu geraten, doch der Raum für heftige Loyalitätskonflikte wird nur angedeutet, aber nicht konsequent genutzt. Selbst als der Ghostwriter mit der Politikergattin schläft, wird das nicht handlungswirksam und bleibt folgenlos. Dabei wären in diesem Beziehungsnetz weitere Chancen für stärkere emotionale Auslöser gewesen, die nun der Anteilnahme am Schicksal der Hauptfigur verloren gehen.
In Bezug auf die Auflösung der Geschichte entsteht keine klare Wunschentwicklung. Weder auf das Fertigschreiben der Biographie noch auf die Klärung der politischen Rolle von Lang in dem CIA-Folter-Plot richten sich unbedingte Erwartungen der Zuschauer. Es werden zwar einige Zusammenhänge geklärt, aber eine umfassende Aufklärung rund um die behandelten Themen Illoyalität, Schuld und Verantwortung findet nicht statt. Vielmehr fällt Lang einem Attentat zum Opfer, bevor seine Mittäterschaft näher untersucht werden kann, während der Ghostwriter parallel zur Buchvorstellung Langs Witwe als Urheberin der Verschwörung entlarvt – und dafür ebenfalls mit dem Leben bezahlen muss. Die wahren Täter kommen ungeschoren davon. Für ausgleichende Gerechtigkeit ist in dieser politischen Thrillerwelt kein Platz. Ob ein großes Kinopublikum damit zufrieden zu stellen sein wird, muss sich zeigen.
MARKTPROGNOSE:
Das Zielpublikum für politische Thriller ist relativ präzise zu umreißen. „The International“ von Tom Tykwer erreichte knapp 700.000 Zuschauern; ähnlich weit kamen „State of Play“ und „Verblendung“. In all diesen Fällen war allerdings der emotionale Faktor weniger entscheidend als die soziale Relevanz des Themas.
Rein äußerlich hat auch der „Ghostwriter“ durch die Prominenz der Vorlage, des Regisseurs und der Darsteller das Zeug zu ähnlichen Zahlen.
Doch obwohl der Medienhype um die Vergangenheit des Regisseurs und seine Verhaftung groß war, dürfte der Effekt für den Film ebenso positiv wie negativ sein und sich damit im Grunde aufheben. Auch die gemischte Resonanz nach der Weltpremiere auf der Berlinale bedeutet keine klare Verstärkung oder Abschwächung der grundsätzlichen Aufmerksamkeit. Wie viele Leser der Bestsellervorlage sich die Verfilmung im Kino anschauen werden, muss wieder Spekulation bleiben.
Aus sich heraus bietet der Thriller spannende Unterhaltung und eindrucksvollen Inszenierungsstil sowie eine attraktive Besetzung, kann aber keinen grundsätzlich starken Sog entwickeln. Das liegt unter anderem an der Gestaltung der zwischenmenschlichen Ebene, die viele emotionale Potentiale nur eingeschränkt und unzureichend zur Wirkung kommen lässt. Die soziale Relevanz der Story bleibt eher schwach.
Insofern erwarten wir Zahlen deutlich unterhalb von „The International“, also eher um die Marke von 350.000 Zuschauer herum pendelnd.
Norbert Maass, 19.02.2010