DIE FRISEUSE

Buch: Laila Stieler; Regie: Doris Dörrie

Die Beschäftigung mit dem Thema ist sicher spannend. Fettleibige Menschen bewegen sich in einem Spannungsfeld zwischen Treue zu sich selbst und Schamgefühlen. Beides sind universelle Erlebniswelten, die jeder kennt. Sich dieser schwierigen Thematik unverkrampft zu nähern, ist mutig und verschafft dem Film ein Alleinstellungsmerkmal.

Allerdings bleibt ein zu erwartendes Hauptthema unbespielt: von Abnehmen, Diät und Hunger ist nie die Rede. Ob der Film damit der psychologischen Realität seiner Hauptfigur (und der des Zielpublikums!) gerecht wird, sei dahingestellt.

Hingegen wird die Treue zu sich selbst offensiv forciert. KATHI (Gabriele Maria Schmeide) erlebt eine Demütigung, als sie erfährt, dass man sie wegen ihres unästhetischen Äußeren nicht als Friseuse einstellen will. Sie setzt sich daraufhin in den Kopf, ausgerechnet genau neben dem Laden, der sie abgewiesen hat, ein Konkurrenzunternehmen aufzumachen. Dieses Unternehmen setzt sie in die Tat um – koste es, was es wolle.

In dieser Strategie (die letztlich scheitert) liegt die Zweischneidigkeit der Figur. Zweifellos wirken Kathis unerschütterlicher Optimismus, ihre Energie und Widerständigkeit positiv. Aber in ihren Aktionen liegt immer auch ein großes Maß an Verdrängung. Sie will bestimmte Realitäten nicht wahrnehmen und scheitert auch regelmäßig an ihrer Naivität bzw. Realitätsferne. Am deutlichsten macht sich das zunächst in der zerrütteten Beziehung zu ihrer Tochter fest. Doch auch das Verhältnis zur Mitstreiterin scheitert, und das nicht ohne Mitschuld von Kathi. Es ist also nicht leicht, der Protagonistin vorbehaltlos positiv zu begegnen. Und dasselbe lässt sich von dem Film als Ganzem sagen: auch von Seiten der Autoren werden wichtige Themen wie eben das Essen, später dann auch Menschenhandel und Prostitution einfach übergangen. Überall da, wo es beginnt, wirklich weh zu tun, versucht die Dramaturgie, durch gute Laune die Probleme vom Tisch zu wischen. Es bleibt abzuwarten, wie sehr sich das Publikum auf diese Strategie einlässt.

Dramatisch am ergiebigsten ist die Episode, in der Kathi beginnt, als Schlepperin für illegale asiatische Einwanderer zu arbeiten, um so an das nötige Geld für ihren Salon zu kommen. Zwar verlässt der Film hier endgültig die Sphäre des Wohlfühlkinos und wechselt das Thema. Doch drängt auf einmal eine soziale Relevanz in den Vordergrund. Es entsteht nicht nur die äußere Spannung des möglichen Entdeckt-Werdens. Viel wichtiger ist der Gemeinschaftsfaktor. Im Sog des Miteinanders verliert Kathis Tochter (allerdings arg plötzlich und wenig motiviert) jede Zurückhaltung gegenüber der Mutter; es entsteht sogar eine – ebenfalls nicht gerade zwingend motivierte – Liebesgeschichte.

Doch all das bleibt nur Episode. Die Gemeinschaft zerbricht, und am Ende steht Kathi sozial gesehen mit fast leeren Händen da. Sieht man von ihrer Tochter ab (die jedoch nur am Rande eine Rolle spielt), hat sich keine Beziehung wirklich halten können. Ein sozialer Zuwachs war nur vorübergehend spürbar, und genau die Szene, die der Abspann beschwört (ein Reigen tanzender wohlbeleibter Damen) hat die Story selbst leider nicht aus eigener Kraft aus sich heraus entwickeln können.

Insofern hinterlässt “Die Friseuse” insgesamt ein gemischtes Bild. Ob die emotional relevanten Faktoren (Treue zu sich selbst; Aussöhnung mit der Tochter) ausreichen, um die Handicaps der Hauptfigur auszugleichen, ist doch zumindest fraglich. Eine wirklich berührende intensive Beziehung bleibt der Film seinem Publikum auf jeden Fall schuldig.

MARKTPROGNOSE:

“Die Friseuse” passt in ein relativ populäres Genre, nämlich die deutsche Sozialkomödie, die fast immer im Osten angesiedelt ist. Filme wie”Sommer vorm Balkon”, “Halbe Treppe” oder “Du bist nicht allein” fanden ein Publikum, das zwischen 200.000 und 800.000 lag.

Der vorliegende Film dürfte sich hier am unteren Rand des Spektrums bewegen. Während “Sommer vorm Balkon” eine starke Beziehung anzubieten hatte, fehlt gerade dies hier. Zwar ist die Regisseurin (in Analogie zum Film müßte man eigentlich von “Regisseuse” sprechen) sehr bekannt. Doch nicht alle Filme von Doris Dörrie waren erfolgreich. Angesichts des per se eher spröden Themas, einer ambivalente Hauptfigur und eines nur zwischenzeitlich bedienten Gemeinschaftsfaktors muss man davon ausgehen, dass “Die Friseuse” am Markt nicht allzu gut angenommen wird. Insofern wäre mit Werten um 250.000 zu rechnen; aber das Endergebnis könnte sogar noch spürbar darunter liegen.

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