BAD LIEUTENANT – COP OHNE GEWISSEN
Buch: William F.Finkelstein Regie: Werner Herzog
Anders, als einen die Kritiken wissen lassen wollen, ist TERENCE (Nicholas Cage) nicht so böse, so “bad”, wie es der Titel des Films verspricht. Wir haben es nicht etwa mit einem gewissenlosen Schwein oder Sadisten zu tun. Man muss genauer hinsehen. Schon in der ersten Szene geriert sich zwar der Protagonist als zynischer Menschenfeind – um dann aber eben doch einem Menschen das Leben zu retten. Damit ist der Tonfall des Films schon früh etabliert: es handelt sich um eine moralische Studie zum Thema Ambivalenz. Vordergründig wird die Amoral betont, hinterrücks aber triumphiert doch der Ausgleich.
Gewiss: Terence kann korrupt sein. Aber in der Welt, in der er sich bewegt, steht er damit nicht allein. Diebstahl, Erpressung, Nötigung – all das beherrscht die Figur sehr gut. Aber daraus eine totale charakterliche Verdorbenheit abzuleiten, wäre verfehlt. Terence hat nicht nur, wie erwähnt, schon zu Beginn einem Menschen das Leben gerettet. Er verhält sich auch gegenüber seiner Geliebten FRANKIE (Eva Mendes), ja sogar gegenüber seinem Vater absolut loyal und tut alles, um sie zu schützen – was auch gelingt. Aber auch sein Commitment gegenüber dem Job, den er tut, ist groß, denn Terence er ist ein verdammt guter Cop, der am Ende doch mit einigem Glück den Mordfall aufzulösen vermag. Am Schluss steht sozialer Zuwachs und eine intensivere soziale Vernetzung (Freundin, Vater und Stiefmutter vertragen sich). All diese Elemente sind zwar weit weniger spektakulär als Terence’ skrupellose Erpressungen. Aber am Ende begleicht er eben doch alle seine Schulden, und das wiegt mehr als sein Fehlverhalten.
Die Schlüsselszene kommt kurz vor Schluss: als der Mordverdächtige BIG FATE (Alvin Joiner) überführt und in Handschellen gelegt wurde, ist es abermals Terence, der ihm das Leben rettet. Denn sein Assistent STEVIE (Val Kilmer) versucht, den Gangster zu einer Handlung zu nötigen, die es erlauben würde, ihn in Notwehr zu töten. Stevie erweist sich hier als das eigentlich korrupte Schwein. Demgegenüber ist Terence’ Verhalten loyal. Denn er hat mit Big Fate Geschäfte gemacht. Schmutzige Geschäfte zwar, aber er hält sein Wort und sorgt dafür, dass der Mann nicht getötet wird.
Rechnet man alles zusammen, ist Terence keineswegs nur die hassenswerte, immoralische Figur, die er vordergründig zu sein scheint. Hingegen ist er ein Mensch, der unter weitgehender Mißachtung seiner Gesundheit zwischen extremer Rücksichtslosigkeit und extremer Loyalität und einer fast aufopfernden Treue zu seiner drogensüchtigen Freundin schwankt. Die Balance bleibt immer gewahrt, und insofern verschafft der Film seinem Publikum dann doch eine gute Mischung aus Provokation und ausgleichender Gerechtigkeit.
Hingegen sind die winzigen Elemente, die der Regisseur dem Drehbuch hinzugefügt hat und die in den Kritiken als schöpferische Großtaten herausgestellt werden, eigentlich nur Marginalien, die zum übrigen Film kaum passen, aber auch nicht weiter stören. Die treibende Kraft des Films ist die Kunst des Drehbuchautors, nicht die des Regisseurs.
MARKTPROGNOSEN:
Die letzten Filme von Werner Herzog wie z.B. “Rescue Dawn” fanden praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Demgegenüber hat “Bad Lieutenant – Cop ohne Gewissen” etwas bessere Chancen. Der Film vertritt das eigentlich fast ausgestorbene Genre des ‘B-Pictures’: des kleinen, für vergleichsweise wenig Geld hergestellten Films, der ohne große äußere Reize und ohne echte Relevanz einer geradlinigen Story folgt. In der Regel haben diese Filme im Kino kaum Chancen. Indem aber hier der berühmte Namen eines Regisseurs das bürgerlich-intellektuelle Publikum anzieht, kommt es zu einem interessanten “Culture Clash”. Die (nicht allzu vielen) Anhänger des guten Film-Noir werden ebenso ihre Freude haben wie die kunstinteressierten Herzog-Fans, die zwar verstört, aber auch befriedigt das Kino verlassen dürften. Insgesamt eine Mischung, die um die 60.000- 80.000 Zuschauer erreichen könnte. Das ist nicht viel, aber doch viel mehr als die letzten Filme von Herzog geschafft haben.