DER RÄUBER

Buch: Benjamin Heisenberg, Martin Prinz; Regie: Benjamin Heisenberg

Kino ist Bewegung. Davon bietet “Der Räuber” viel: denn die Geschichte des besessenen Marathonläufers RETTENBERGER (Andreas Lust) garantiert bis zum Ende hohes Tempo. Wenn dann noch die unbescholtene Obsession des Rennens mit dem weniger harmlosen Motiv des Bankraubs kurzgeschlossen wird, entsteht eine attraktive Reibung, die dem Film ein markttechnisch vorteilhaftes Alleinstellungsmerkmal verschafft.

Der Clou, die Pointe des Films besteht aber noch in einer weiteren sehr scharf heraus gearbeiteten Paradoxie. Rettenbergers Verhalten ist im wahrsten Sinne a-sozial. Er scheint fast unfähig zu menschlichen Bindungen und zur Kommunikation. Diese Menschenfeindlichkeit gipfelt im sinnlosen Mord an seinem Bewährungshelfer. Ab diesem Moment hat der Protagonist allen Kredit beim Publikum eigentlich verspielt.

Und doch dreht sich diese moralische Zuschreibung gegen Ende des Films um. Rettenberger wird (moralisch gesehen völlig zurecht) gejagt. Und doch fiebert man als Zuschauer mit ihm, je enger sich die Schlinge um ihn zuzieht. Hier arbeiten zwei ähnlich elementare Wahrnehmungsprinzipien gegeneinander. Auf der einen Seite steht der Wunsch nach ausgleichender Gerechtigkeit. Demnach wünscht man dem Mörder Rettenberger die Verhaftung. Auf der anderen Seite aber wendet sich die Empathie gleichsam mechanisch immer dem Gejagten, doch nie den Jägern zu. Der Wunsch, dass der Einzelne der Übermacht der Vielen entkommen möge, ist womöglich ein Erbteil unserer biologischen Vorgeschichte. Der Mechanismus greift immer. So auch in “Der Räuber”. Also arbeiten hier zwei gegensätzliche Prinzipien gegeneinander.

Diese Spannung bestimmt den Film bis zur letzten Minute und setzt ihn unter Strom. Zweifellos ist dies ein starkes Argument. Und die nüchterne Klarheit, mit der sich das Drehbuch auf diese minimalistische Zuspitzung beschränkt, brachte dem Film auf dem Binnenmarkt, also innerhalb der Branche, viel Lob, was immerhin zur Wettbewerbsteilnahme in Berlin führte.

Dabei schlägt sich “Der Räuber” ganz klar auf die Seite des Kunstvertrags, nicht auf die des Publikumsvertrags. Denn aus Zuschauersicht stellen sich dringende Fragen, die aber konsequent unbeantwortet bleiben: warum braucht Rettenberger so viel Geld? Was empfindet er gegenüber ERIKA (Franziska Weisz)? Warum muss er einen harmlosen, wenngleich aufdringlichen Sozialarbeiter gleich erschlagen? Auf all diese Fragen enthält sich der Film jeglicher Antworten oder Deutungen. Diese Verweigerung bringt auf der einen Seite einen Gewinn an Distanz und nüchternem Blick. Auf der anderen Seite entstehen immer mehr unbefriedigende Leerstellen, wo das Geschehen zwischenmenschlich nicht mehr ganz plausibel wirkt.

Das bezieht sich insbesondere auf die Liebesgeschichte. Sie bleibt eine Behauptung. Ein Geben und Nehmen ist nicht erkennbar und angesichts von Rettenbergers autistischer Grundhaltung auch gar nicht möglich. Er scheint die Frau an seiner Seite nicht wahrzunehmen, er reagiert nicht auf sie, geschweige denn dass er Rücksicht nimmt (insofern macht er natürlich auch keine Wandlung durch). Das Interesse des Zuschauers wendet sich daher automatisch der Geliebten zu. Letztlich ist sie die dramatisch interessante Figur, weil sie vor einer Entscheidung steht, die sich dem manischen Rettenberger gar nicht stellt. Doch für Erika interessiert sich der Film kaum, und wenn sie am Ende sagt, “ich liebe Dich”, dann muss man das als genretypischen Klischee-Satz stehen lassen. Glauben oder gar mitempfinden kann man diese Liebe schwerlich.

Aus diesen Gründen dürfte der Außenmarkt weniger begeistert reagieren als der Binnenmarkt. Qualitäten wie Musterunterbrechung, Konsequenz oder Minimalismus setzen sich am Kinomarkt in der Regel nur dann durch, wenn eine sehr große soziale Relevanz vorliegt (wie etwa in “Das weiße Band” oder, etwas abgeschwächt, in “Alle anderen”, wo es ja auch in erster Linie um eine Beziehung geht). All dies liegt hier nicht vor. Die fast aseptische Nüchternheit des Films hilft der Karriere innerhalb der Branche, doch nicht unbedingt der beim Publikum.

MARKTPRGNOSE:

“Der Räuber” hat eine gute Vorab-Presse (was, wie man aktuell an “Bad Lieutenant” sieht, unter Umständen fast bedeutungslos sein kann) und vor allem ein wirksames, genuin cineastisches  Alleinstellungsmerkmal.

Die betont nüchterne Umsetzung, die die Publikumswünsche bewusst negiert, dürfte aber zu verhaltenen Reaktionen führen. “Der Räuber” ist weit eher “interessant” als “bewegend”. Wenn man sich am Ende Zahlen zwischen 40.000 und 60.000 vorstellt (also über “Revanche”, der weniger starke äußere Faktoren aufweist, doch unter “Jerichow”, der zwischenmenschlich mehr zu bieten hat) , ist das für einen kleinen österreichischen Arthaus-Film ein relativ großer Erfolg. Ein empathischerer Erzählstil hätte jedoch vermutlich zu mehr Resonanz verholfen.


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