Boxhagener Platz
Buch: Thorsten Schulz; Regie: Matti Geschonnek
Die Ex-DDR versorgt das deutsche Kino regelmäßig mit interessanten Stoffen. Die “Ostzone” ist einerseits nicht lange her, andererseits sind die Spuren so sehr getilgt, dass man sich nur noch in der fiktionalen Reproduktion ein Bild davon machen kann, wie es damals zugegangen sein mag. “Boxhagener Platz” wird sicherlich nicht der letzte Film bleiben, der das Leben im Osten Deutschlands beschreibt. Dabei befriedigt er nostalgische Bedürfnisse in zweierlei Hinsicht. Neben der ganz offensichtlichen äußerlichen Ebene der Umsetzung (Dekor, Szenenbild, Kostüm usw.) befleißigt sich auch die Dramaturgie einer Langsamkeit und scheinbaren Harmlosigkeit, die in absichtlich schneidendem Kontrast zu vielem von dem steht, was heute sonst produziert wird. Gegenüber der forciert aggressiven oder hedonistischen Darstellung von Heranwachsenden, wie sie von Filmen wie “Zeiten ändern Dich” oder “Knallhart” gezeigt wird, sticht der harmlose, bescheidene und brave HOLGER (Samuel Schneider) extrem ab. Und auch die Story bemüht sich eben gerade nicht, Höhepunkte aneinander zu reihen, sondern versucht, im Gegenteil ganz besonders tief zu stapeln, um so dem damaligen Zeitgeist gerecht zu werden.
Dahinter steht eine Strategie, die teilweise sicher aufgeht. Die Gemächlichkeit des Lebenstempos im Ostberlin des Jahres 1968 bildet sich im Erzählrhythmus des Films ab, und es gibt sicherlich größere Publikumsschichten, die gerade dies als wohltuend, authentisch und befriedigend erleben werden.
Allerdings geht dieses Tiefstapeln mit einer recht geringen Grundspannung einher. Echtes Unrecht existiert hier lange Zeit nicht, daher auch wenig echte Empathie und wenig Wunsch nach ausgleichender Gerechtigkeit. Zwar passiert ein Mord – doch einer an einer Nebenfigur, von der man später erfährt, dass es ein Nazi war. Das Mitgefühl mit ihm hält sich so sehr in Grenzen wie das mit den möglichen Tätern. OTTI (Gudrun Ritter), die lange Zeit im Mittelpunkt steht, ist als Protagonistin weder aktiv noch benachteiligt, sie wird lediglich durch ihre Loyalität zu Kindern und vor allem ihrem Enkel menschlich anrührend, aber eine eigentlich dramatische Aufgabe hat sie kaum.
Die innere Spannung, die “Boxhagener Platz” durchpulst, erhält der Film viel mehr durch die vielfältigen Echos von großen sozialen Bewegungen im Deutschland des letzten Jahrhunderts . Da spielt der Spartakusbund ebenso eine Rolle wie der linientreue Kommunismus, der Nationalsozialismus ebenso wie die Studentenrevolte im Westen Berlins. Von all diesen sozial relevanten und hoch spannenden Bewegungen schwappt immer nur ein kleiner Rest über in Holgers kleine Welt. Es ist vor allem die Figur des KARL (Michael Gwisdek), die in ihrer politischen Haltung für Spannung sorgt. Seine langsam wachsendes Vertrauen zu Holger bildet auch die interessanteste Bindung des Films. Hier kommt es zu viel Austausch. Der ältere Mentor weckt im Heranwachsenden ein Bewusstsein für Revolte. Diese wird dann auch ganz kurz handlungswirksam. Aber leider bleibt es dabei auch.
Insgesamt bleibt die politische und durch die Spannung zum Regime auch dramatische Ebene letztlich doch sehr gedämpft. Im Vordergrund steht eine Familie, in der es zu sozialem Zuwachs kommt (der diskreditierte homosexuelle Bodo darf seinen Freund mit bringen, und Holgers zerstrittene Eltern versöhnen sich, nachdem der Vater gegen seine Vorgesetzten aufbegehrt hat). All das sind positive Elemente. Sie bewegen sich aber doch innerhalb einer recht engen Amplitude. Wirklich bewegend wird “Boxhagener Platz” selten.
Schade ist vor allem, dass der Geist der Revolte, der durch Karl Wegener in die Handlung getragen wird, in Holger nicht erkennbar weiter wirkt. Sein Aufbegehren bleibt kurz und folgenlos. Indem er in seinem eigentlichen Umfeld kaum Probleme hat, hilft ihm auch Karls Crashkurs in Sachen politischer Bildung nicht weiter.
So bleibt ein sympathisches, nostalgisches, aber auch wenig zwingendes Bild mit wenig Wandlung der Figuren übrig.
MARKTPROGNOSEN:
“Boxhagener Platz” findet sicherlich ein sechsstelliges Publikum. Aber an Erfolge wie “Goodbye Lenin!” oder “Sonnenallee” wird man nicht denken dürfen. Eher kann man sich an Fällen wie “Der rote Kakadu” oder “Novemberkind” orientieren, die sich etwas unter 200.000 abgespielt haben. Durch die augenblicklich recht harte Konkurrenzsituation könnte aber “Boxhagener Platz” noch darunter bleiben und unserer Schätzung nach bei vielleicht 120.000- 150.000 stehen bleiben.
R.Z.