DIE FREMDE

Buch und Regie: Feo Aladag

Persönliche Vorbemerkung:

Als dramaturgischer Berater war ich eng in die Stoffentwicklung involviert. Daher habe ich meinen Kollegen Norbert Maass gebeten, die folgende Einschätzung aus etwas objektiverer Distanz zu schreiben.

Roland Zag

Es geht in “Die Fremde” nicht um die Ehre – und schon gar nicht allein um deren Rettung. Es geht vielmehr um die komplexen zwischenmenschlichen Beziehungen in einer Familie. Die erzählte Geschichte ist fiktiv, orientiert sich aber an authentischen Fällen. Daher gilt es, sich die komplexen zwischenmenschlichen Beziehungen genau anzuschauen, die in dem schrecklichen Geschehen münden, das allenthalben unter dem verfälschenden Begriff des „Ehrenmordes“ firmiert. Andernfalls würde man in triviale Vorverurteilungen verfallen. Und „Die Fremde“ geht in der Schilderung der komplizierten Familienverhältnisse tatsächlich so weit, dass eine fast körperlich schmerzhafte Genauigkeit in der Schilderung der Prozesse erreicht wird.

Empathie für UMAY (Sibel Kekilli) und ihren Sohn zu entwickeln, fällt zunächst nicht schwer: ihr türkischer Mann schlägt Frau und Kind, die Ehe ist zerrüttet, die Familienangehörigen schauen unbeteiligt zu. Umay will nach einer Abtreibung nur noch heim zu ihrer Familie in Berlin.

Dadurch entsteht ein sehr einfaches Zugehörigkeitsdrama: Umay will zurück zu Eltern und Geschwistern. Doch unter dem Druck des Ehemanns und dem Rest der türkischen Gemeinschaft wird ihr eben diese Bewegung zunehmend verwehrt. Die Dynamik dieses Konfliktes vermittelt sich umso schärfer, je differenzierter Sog und Bindung spürbar werden. In dieser Hinsicht herrscht in „Die Fremde“ kein Mangel. Man erkennt sehr gut, was Umay zu ihrer Familie hinzieht: der keineswegs autoritäre, sondern gutmütige Vater ist das zu ehrende Familienoberhaupt, mit dem man vor dem Fernseher Spaß haben kann. Die Mutter fungiert als die wichtige Lebensratgeberin, die mit kleinen Gesten eine fein gezeichnete, zunächst fast freundschaftliche Verbindung zu ihrer ältesten Tochter eingeht. Auch die Beziehungen zu den Geschwistern sind höchst differenziert gezeichnet. Nicht zuletzt das genaue Erzählen dieser Beziehungen ist es, was „Die Fremde“ so zugänglich und emotional wirksam werden lässt.

Doch je stärker der Druck innerhalb der Familie wird, Umay wieder los zu werden, desto mehr kommt eine neue, starke Qualität ins Spiel: Umays Treue zu sich selbst. Sie mag partout den Kampf um die Zuneigung der Familie nicht aufgeben. Mindestens ihrem Sohn soll der Zugang zu den Großeltern oder auch zur Hochzeitsparty der Tante nicht verwehrt bleiben.

So entsteht ein verzweifeltes Ringen um Zugehörigkeit. Das commitment, mit dem Umay diesen Kampf führt, ist gut geeignet, starke emotionale Anteilnahme zu wecken.

Auf der anderen Seite nimmt sich der Film sehr viel Zeit, um die sozialen Strukturen auf Seiten von Umays Familie zu schildern. Man spürt den immensen gesellschaftlichen Druck, und ein Stück weit kann man sogar verstehen, wie das soziale Gebäude der Familie wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt. Dass hier am Ende nur noch die Option der Gewalt stehen kann, wird zumindest ein Stück weit verständlich.

Die hohe Spannung von „Die Fremde“ entsteht aber auch daraus, dass die Wendung zur gewaltfreien Lösung bis zum Schluss immer noch möglich scheint. Umay begreift am Ende des zweiten Akts, dass sie den Kampf gegen die Gesellschaft nicht gewinnen kann. Sie entschließt sich, die Stadt zu verlassen. Auf diese Art macht sie eine Wandlung durch und wird zur handelnden, selbstbestimmten Figur: war ihr Verhalten vormals noch arg uneinsichtig, ist sie am Ende des Films einen Schritt weiter. Die tragische Ironie besteht darin, dass sie der versuchte Mord erst in dem Moment ereilt, als die vorläufige „Lösung“ zum Greifen nah erscheint.

Zu den positiven Faktoren, die den eigentlich düsteren Stoff immer wieder aufhellen, gehören die Hilfeleistungen anderer, die uns immer wieder suggerieren, dass die Geschichte auch anders enden könnte: von Seiten offzieller Stellen, der Freundin, der Arbeitgeberin oder des neuen Freundes erfährt Umay immer wieder Mut und Solidarität. All das hilft, den grundsätzlich fast aussichtslos erscheinenden Konflikt zu ertragen.

Hinzu kommt, dass in der tragischen Schlusspointe auch ein Element von ausgleichender Gerechtigkeit steckt. Am Ende hat dieser Machtkampf nur Verlierer. Auch die Familie hat ihr Ziel verfehlt. In diesem Scheitern steckt ein Funke Hoffnung in die mögliche Einsicht, dass Gewalt niemals eine Lösung sein kann.

MARKTPROGNOSE:

Das Schicksal einer Frau, die ihrem Kind zuliebe gegen alle Widerstände ihren Weg zu gehen versucht, wird im Arthouse-Markt in erster Linie weibliches Publikum finden. Dazu dürfte auch die umfangreiche Berlinale- und Presseberichterstattung beitragen. Die Weiterempfehlungsraten werden wohl trotz der schwer verdaulichen Problematik eher im überdurchschnittlichen Bereich liegen.

Und dennoch wird der Film es am Kinomarkt nicht leicht haben. Zum einen ist die Konkurrenz im Moment sehr groß; ein Film wie „Agora“ etwa schildert ebenfalls ein starkes Frauenschicksal. Zum anderen handelt es sich eben in kaum einer Weise um Wohlfühl-Arthouse-Kino, sondern um ein düsteres Drama.

“Die Fremde” setzt aber entschieden auf Empathie und emotionale Resonanz. Daher kann der Film geradezu antipodisch zum un-empathisch erzählten “Der Räuber” gesehen werden. Letzterer  kam am Markt kaum an (nicht einmal 5.000 Zuschauer wollten ihn in der ersten Woche sehen). Man darf daher gespannt sein, wie “Die Fremde” als intensiver ‘human factor’-Film trotz der Handicaps am Markt funktioniert.

Letztlich erwarten wir unter Einbeziehung aller Faktoren (auch der relativ prominenten Hauptdarstellerin und der sozialen Relevanz des Themas) eine längere Laufzeit mit insgesamt 80 – 120.000 Zuschauern.

Norbert Maass, 11.03.2010

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