Pippa Lee

Buch und Regie: Rebecca Miller

Selten steht der Eindruck der Literaturverfilmung so im Vordergrund wie hier. Die enorme Bandbreite an angerissenen Themen deutet darauf hin, dass es sich um einen Film handelt, der das Kondensat aus einem episch angelegten Werk darstellt. Dies lässt sich schon an der zweigleisigen Erzählstruktur ablesen, die auf der Gegenwartsebene lange Zeit nicht viel Neues bietet, auf der Ebene der Rückblenden aber ein ganzes Arsenal von gewichtigen Problemen aufwirft. Jedes für sich könnte schon abendfüllend sein.

Da ist die tablettenabhängige, manisch-depressive Mutter, die dem Kind Pippa das Leben schwer macht. Dass hier ein soziales Ungleichgewicht samt Empathieentwicklung vorliegt, ist klar. Doch gleich geht es weiter: es folgt eine Episode bei der lesbischen Tante samt allmählichem Abgleiten in pornografische Niederungen, Drogen, (vermutlich) jede Menge Sex und – sehr wichtig – die Begegnung mit dem späteren Ehemann HERB (Alan Arkin). All dies wirft große zwischenmenschliche Fragen auf, für die sich das Drehbuch kaum Zeit lässt. Dass die Liaison, die später zur Ehe führt,  mit dem Selbstmord von Herbs erster Frau erkauft wird, kann gerade mal angerissen, aber nie vertieft werden.

Durch diese Überfülle an existenziellen Themen der Vergangenheit leidet die Gegenwart. PIPPA (Robin Wright Penn) führt an der Seite des stark gealterten Herb ein eher passives Leben. Dass sie dabei zunehmend eine innere Leere erlebt und auch den Kürzeren zieht (weil sie später dann auch betrogen wird), ist spürbar, aber findet kaum Zeit, um sich zu entfalten.

Überspitzt gesagt, verfügt der Film streng genommen über kaum eine “Handlung”, weil man nur in den seltensten Momenten (und erst gegen Ende) davon sprechen kann, dass irgendjemand aktiv wird. Gewiss – da kommt es zu spannenden Entdeckung, dass Pippa als Nachtwandlerin unterwegs ist. Was zum Hauptthema werden könnte – doch es bleibt Episode. Da ist vor allem der problematische Ex-Jesuit CHRIS (Keanu Reeves), mit dem Pippa eine immer enger werdende Beziehung eingeht. Hier keimt ein wenig Austausch und menschliche Nähe auf. Doch die Geschwindigkeit, mit der diese Verbindung zum Sex führt, weist wieder deutlich auf die Hast hin, mit der hier Alles, aber auch wirklich Alles angerissen und abgehandelt werden muss.

Insofern kommt einem der abgroschene Satz “Das Buch war besser” in den Sinn. Es ist zwar schmerzhaft, solche Platitüden zu äußern – wer weiß schon, was “besser” ist? Dennoch ist klar, dass “Pippa Lee” unter einer Überfülle an Motiven krankt, die entweder radikal hätten zugespitzt werden müssen (was den Verlust von vielen reizvollen Nebenfiguren zur Folge gehabt hätte). Oder aber man hätte sich zur Einsicht durchringen sollen, dass es Bücher gibt, die sich eher zur Verfilmung eignen als dieses.

MARKTPROGNOSEN:

“Pippa Lee” startet in ein äußerst schwaches Marktumfeld – der plötzliche Sommer, die Fußball-WM, die Open-Air-Gegenangebote, sie alle machen den Start des Films schwer. Wie erfolgreich das Buch war, lässt sich schwer ermitteln. Insofern sind Prognosen besonders ungenau. Auf jeden Fall wird es eine Zahl von Lesern geben, die den Film zum Buch sehen wollen; und es wird Leute geben, die das Buch eigentlich interessiert, es aber beim Film belassen. Aber werden es sehr viele sein?

Wirklich aus sich selbst heraus vermag der Film “Pippa Lee” trotz aller anrührenden und für sich gesehen starken Motive kaum wirklich intensiv zu wirken. Man hat zu sehr den Eindruck, nur aneinander gereihte “Plot Points” und Höhepunkte anstatt echter dramatischer Entwicklungen zu erleben. Im Winter hätte “Pippa Lee” dennoch vielleicht das Potenzial für ein Ergebnis um die 200.000 Zuschauer.

Doch im Augenblick kann man sich fragen, ob überhaupt sechstellige Zahlen in Reichweite kommen. Man kann sich pessimistischer Weise ein Abschneiden bei 80.000, idealer Weise bei 120.000 Zuschauern vorstellen. Alles darüber wäre eher überraschend.

Roland Zag 2.7.2010

CINDY LIEBT MICH NICHT

Buch und Regie: Hannah Schweier (nach dem Roman von Jochen Martin Gutsch und Juan Moreno)

Die grundsätzliche Prämisse ist sehr einfach: FRANZ (Clemens Schick) und DAVID (Peter Weiß) lernen sich kennen, weil sie von derselben Frau, MARIA (Anne Schäfer) verlassen wurden. Gemeinsam begeben sie sich auf die Suche. Der zurückhaltende, schüchterne und biedere David war wohl über längere Zeit ihr fester Freund, der ziellos in den Tag hinein lebende Franz ist ihre derzeitige Affaire.

In dieser schlichten Vorgabe steckt viel Potenzial. Der kaum vorhandene Plot lenkt nicht groß ab, es gibt sehr wenig äußere Verwicklungen und Ablenkungen, sondern nur den “culture clash” der beiden Charaktere und die Frage, was mit der gemeinsamen Geliebten geschehen sein mag.Wo der Plot fehlt, ergibt sich die Möglichkeit, intensiv an den Charakteren zu arbeiten. Wir kennen schöne Beispiele für ähnlich gelagerte Road Movies, im deutschsprachigen Raum dürfte vermutlich “Indien” das erfolgreichste Modell für diesen Erzähltypus sein.

An das Drehbuch wäre also die Forderung zu stellen, dass es uns die Charaktere so intensiv und farbig wie möglich ausleuchtet; die Beziehung der beiden ungleichen Männer so intensiv wie möglich gestaltet und den Sog, der von der verschwundenen Frau ausgeht, kraftvoll entwickelt.

Die Tiefe der Charaktere stellt sich dann ein, wenn verschiedene Schichten ihres Bewusstseins zum Vorschein kommen; wenn unterschiedliche Formen von Bindung und Loyalität entwickelt werden oder Schein und Sein aufeinander prallen. Charakterliche Tiefe ist stets die Folge einer großen Bandbreite von Bindungen und eines hohen Maßes an Commitment. Die Intensität der Beziehung entsteht dann, wenn die beiden Kontrahenten in Austausch geraten und ein Geben und Nehmen spürbar wird. Die Sogkraft der verschollenen Frau schließlich entwickelt sich, sobald wir spüren, wie intensiv die beiden Männer mir ihr verbunden waren.

“Cindy liebt mich nicht” hat allerdings leider auf allen drei Ebenen ganz erhebliche Defizite.

Die beiden Männerfiguren zeigen sehr wenig Commitment. Sie scheinen kein Vorleben zu haben – keine Freunde, Familien, oder etwa auch ideelle Bindungen. Die Interesselosigkeit ist das vorherrschende Prinzip. Dass beide einfach ihren Job aufgeben, scheint sie kaum zu beschäftigen. Von “Charakter” zu sprechen, ist eigentlich kaum möglich. Beide sind eher Typen, also auf ein bestimmtes Verhalten festgelegte Klischees. David und Franz geraten aber auf ihrer Reise auch kaum wirklich intensiv aneinander, es kommt zu keiner wirklichen Bindung, die auf Austausch beruhen würde. Nicht einmal über die gemeinsame verflossene Freundin kommunizieren sie. Es herrscht also ein Aneinander-Vorbeileben, das selten Höhepunkte erreicht. Und die Sogwirkung von Maria kommt deshalb nicht zustande, weil nicht klar wird, was die beiden Männer mit ihr geteilt haben. Man erfährt zwar, dass der gutmütige David für sie den Parkettboden abgeschliffen hat und dafür mit Sex belohnt wurde. Auf die behauptete längere Beziehung deutet aber nichts. Über Franz und Maria erfährt man, dass sie in seiner leeren Wohnung getanzt haben. Sehr viel ist das auch nicht.

Dass Maria wohl erhebliche psychische Probleme hatte und an einem Übermaß an Liebesbedürftigkeit litt, scheint keinem der beiden Männer aufgefallen zu sein. Doch auch der Zuschauer erfährt hier nichts Greifbares, so dass Maria eine recht diffuse, wenngleich interessante Chimäre bleibt.

Insofern werden alle positiven Potenziale, die in der Prämisse angelegt gewesen wären, nicht genutzt. Für eine Auswertung am Kinomarkt bedeutet das in der Regel, dass sie entweder gar nicht stattfindet, oder, wie hier, zwangsläufig am untersten Ende der Skala bleiben muss.

MARKTPROGNOSE:

“Cindy liebt mich nicht” hat es ganz schwer. Das Drehbuch bleibt in jeder Hinsicht hinter dem zurück, was man für eine auch nur halbwegs erfolgreiche Kinoauswertung hätte voraussetzen müssen. Insofern kann man von einem Maximalwert von 5.000 Zuschauern ausgehen. Angesichts der Möglichkeiten ist das sehr schade.

MARCELLO, MARCELLO

Buch: Mark David Hatwood, Luda de Benedettis, Denis Rabaglia; Regie: Denis Rabaglia

MARCELLO (Francesco Mistichelli) will ELENA (Elena Cucci) für sich gewinnen. Dazu muss er deren Vater ein wirklich aufregendes Geschenk machen – so will es ein alter, unselig patriarchalischer Brauch auf einer italienischen Insel. Auf diese Art und Weise kommt eine Serie von Tauschgeschäften in Gang, die über viele Stationen das gesamte Sozialleben der Insel einbezieht: vom Fischer über den Friseur, den Bürgermeister, Metzger, Pfarrer bis hin zu den einsiedlerischen Schwestern und der traurigen Alleingelassenen kommt Marcello (und mit ihm der Zuschauer) mit einem Querschnitt der Bevölkerung in Kontakt.

In der Prämisse stecken brillante Voraussetzungen. Da ist einmal der Aspekt des Gebens und Nehmens. Der Tauschhandel, den Marcello unfreiwillig in Gang setzt, bringt zahlreiche Backstories zum Vorschein, kleine Ungerechtigkeiten, offene Rechnungen, Benachteiligungen usw. Doch auch der Aspekt der sozialen Vernetzung ist bestechend. Die Handlung durchpflügt praktisch das gesamte soziale Netz der Insel. Hierarchien und Abgründe werden spürbar, Abhängigkeiten und Verstrickungen tun sich auf. Marcello schafft es auch, durch seinen Parcours andere Menschen zu versöhnen. Vor allem sein Vater kommt mit einer verhinderten Liebe zusammen. Es findet also ein sozialer Zuwachs statt, der befriedigend wirkt. Hinzu kommt auf der Ebene der Umsetzung ein wunderbar sommerlich-heiteres, von keiner Modernisierung angekränkeltes Ambiente, das nostalgische “Italianità” versprüht. Insofern startet “Marcello, Marcello” mit starken Voraussetzungen.

Doch die immanenten Fragen und Frag-Würdigkeiten drängen sich ebenfalls auf. So brillant die Grundidee scheinen mag, liegen in ihr doch Widersprüche begraben, die die Dynamik bremsen.

Da ist die Tatsache, dass das Geschenk, dem Marcello nachjagt, ja eigentlich ein “falsches” ist. Er will nicht der von ihm angebeteten Braut einen Dienst erweisen, sondern sie quasi von ihrem Vater loskaufen. Marcello opfert gewissermaßen dem falschen Gott. Wir wissen von Anbeginn, dass der Hahn, den er haben will, ihn Elena nicht näher bringen wird. Insofern ist unser Verlangen als Zuschauer gebremst: all das, was da hin und her getauscht wird, hat mit seinem eigentlichen Ziel nicht viel zu tun. Die emotionale Bindung zur Geliebten wird durch die Handlung gar nicht berührt.

Das offenbart die große Schwäche der Liebesbeziehung selbst. Denn ein Geben und Nehmen zwischen den Liebenden findet so gut wie gar nicht statt, die beiden haben kaum gemeinsame Szenen – wir müssen Marcellos glühende Leidenschaft für Elena glauben. Das ist einerseits nicht schwer, denn die Darstellerin ist hübsch. Aber ob die beiden zusammen passen, sich etwas zu sagen haben, aufregend finden oder gar gemeinsame Ziele verfolgen – all das wissen wir nicht. Die Liebe bleibt eine Behauptung.

Noch ein weiterer innerer Widerspruch komt hinzu. Denn die Möglichkeit, sich durch schulische Leistungen auszuzeichnen, bietet Marcello die Möglichkeit, der Enge der Insel zu entkommen. Er kann endlich die große Welt kennen lernen. Dort lockt die Möglichkeit der Selbstentfaltung. Auf der Insel kann er nur ein sozial wenig geachteter Fischer bleiben. Gerade dieser Aspekt der Freiheit aber, dieses Privileg, der Enge zu entkommen, wird in “Marcello, Marcello” zur antagonistischen Kraft. Der Lehrer, der dem Schüler eigentlich nur Gutes will, wird dramaturgisch zu seinem Feind. Das kann nicht gut gehen. Für Marcello, den hoch begabten Schüler, wäre es mindestens ebenso verlockend, endlich studieren zu dürfen, als sich mit Elena auf der Insel zu vergnügen. Denn dieses Vergnügen wird im provinziellen Mief ersticken – das zeigen uns die übrigen Episoden. Die beiden müssten eigentlich raus und die frustrierende Enge der Insel verlassen, um ihr Glück anderswo zu finden. Und genau diese Bewegung wird durch die Prämisse verhindert. Der Lehrer, im Film als Witzfigur verspottet, müßte in Wahrheit Marcellos Wohltäter sein.

Bleibt noch der Blick auf die Unerheblichkeit der meisten Episoden – ist es wirklich so schwer, Limoncello aufzutreiben? Wie relevant wird von uns die Frage nach einem angeblich anrüchigen Nacktportrait erlebt? Welche soziale Aufladung haben zwei unbenutzte Hochzeitskleider? Es gibt keine wirklich hohe Relevanz in “Marcello, Marcello”, und die Möglichkeit zu einem wirklichen Gemeinschaftserlebnis bleibt ungenutzt.

Man sieht also, dass grundsätzlich starke Elemente sich mit hinderlichen vermischen und gegenseitig behindern. In der Regel wird das zu spürbaren Einbußen im Markterfolg führen.

MARKTPROGNOSE:

Den Film direkt gegen die Konkurrenz der Fußball-WM zu programmieren, macht sicherlich Sinn. “Marcello, Marcello” bietet ein stimmiges Gegen-Programm für fußballabstinente Romantiker und Sommer-Sucher. Und auf der sinnlichen Ebene bietet der Film kostbare, nostalgische Wohlfühl-Idyllik. Insofern wird ein vermeintlich ganz rundes Paket geboten.

Doch die inneren Widersprüche der Story bremsen die Wirkungskraft doch ganz erheblich. Der prinzipiell sehr originelle Tauschhandel, den Marcello absolvieren muss, führt konsequent an seinem eigentlichen Ziel, seiner Liebe zu Elena, vorbei. Letztlich unterwirft er sich unter ein Prinzip, das er ablehnt, aber eben doch erfüllt. Insofern kann das Happy End nicht wirklich zünden. Und die Tatsache, dass er mit Elena auf einer Insel bleiben will, deren Abgründe sich soeben erst aufgetan haben, ist keine wirklich beglückende.

Insofern muss man skeptisch sein. Werte wir für “Kleine Verbrechen”, den griechischen Sommerhit von 2008 (knapp 150.000 Zuschauer) dürften kaum erreichbar sein. Auch der (etwas ernstere) “Die Frau des Leuchtturmwärters”, der etwas über 100.000 lag, ist vermutlich außer Reichweite. Je nach Wetterlage (und dem Fußballfieber) könnte “Marcello, Marcello” also vielleicht zwischen 60.000 und 80.000 Zuschauer erreichen – bei konsequentem Sommerwetter jedoch eher noch weniger.

R.Z.


VERTRAUTE FREMDE

Buch: Philippe Blasband, Jerome Tonnerre nach Jiru Taniguchi; Regie: Sam Gabarski

Es gibt Filme, die auf EINE einzige, große Pointe zulaufen. Ein solcher Moment kann vieles retten. Und ein solcher Film ist “Vertraute Fremde”.

Da wird im Verlauf der Geschichte eine Menge erzählt, was man als mehr oder weniger aufregend empfinden mag. Aber die Story kommt erst in dem ganz späten Moment zu sich, wo THOMAS (Pascal Greggory) wieder zu seiner Familie nach Hause zurück kehrt. Als er seine Frau und seine Töchter gemeinsam auf ihn warten sieht, wird durch die Essenz des zuvor Erfahrenen klar, welche Bedeutung seine Heimkehr hat. Thomas wird erwartet. Er spielt eine Rolle. Seine Ankunft ist nicht gleichgültig. Die Phantasie, Frau und Kind zu verlassen – die sich bei den ersten Bildern durchaus einstellt – wird revidiert. Thomas hat gelernt, dass das Verschwinden eines Familienmitglieds traumatische Folgen nach sich ziehen kann. Sein Blick – und damit der des Zuschauers – auf die Rolle des Familienvaters hat sich gewandelt und vertieft.

Durch diesen einen Moment rechtfertigt sich das gesamte Unternehmen des Films. Indem diese Pointe unmittelbar vor dem Ende steht, wird das Publikum mit einem Zuwachs an Sinn und emotionaler Befriedigung entlassen – gleichgültig, wie spannend man den Rest des Films mit seiner intellektuell anstrengenden Zeitverschiebung erleben mochte.

Das Motiv der Zeitreise ist dem Kino ja nicht neu. Vermutlich am berühmtesten wurde “Zurück in die Zukunft”. Dem Vergleich mit diesem Film hält “Vertraute Fremde” kaum stand. Das Problem liegt darin, dass Thomas im Körper eines 14-Jährigen, doch mit dem Bewusstsein eines älteren Erwachsenen innerhalb seiner Familie kaum Möglichkeiten zum Austausch hat. Thomas fühlt sich abgrundtief allein. Er verfügt über ein Bewußtsein für Zusammenhänge, das der Rest der Welt nicht haben kann. Von daher entwickelt sich die Story recht einseitig: die vorherrschende Form der Verständigung ist die Kontakt-Verweigerung. Der über die Zukunft orientierte Thomas macht Äußerungen, die seiner Umwelt rätselhaft erscheinen müssen; und er selbst schafft es nicht (versucht es allerdings auch nur halbherzig), vor allem mit seinen Eltern, aber auch seiner Freundin in Kontakt zu kommen. Die Eltern weichen der echten Konfrontation ein ums andere mal aus, und gegenüber der Freundin mag Thomas nicht recht mit der Sprache rausrücken.

Aus all dem ergibt sich ein rätselhaft gebremstes Bild – “Vertraute Fremde” mag schon vom Plot her, vor allem aber emotional nie so recht in Fahrt zu kommen. Dabei hat der FIlm durchaus ein spannendes Geheimnis aufzuweisen: denn Thomas’ VATER (Jonathan Zaccai) ist einst von einem Moment auf den anderen für immer verschwunden. Die Gründe für dieses Verschwinden werden ein Stück weit verständlicher, indem Thomas einer sterbenden Geliebten des Vaters auf die Spur kommt. Aber wirklich nachvollziehbar wird die Flucht des Mannes, der damit seine Frau ins Unglück stürzt, nicht – und schon gar nicht moralisch gerechtfertigt.

Viel mehr als diese Story mit dem Verschwinden des Vaters hat “Vertraute Fremde” kaum aufzuweisen – wäre da nicht die erwähnte Pointe, der Coup, der dem gesamten Unterfangen des Films eine sinnstiftende Kraft und Energie verleiht.

Zusammengefasst wird man also sagen können, dass der Film über weite Strecken etwas enttäuschend Einseitiges aufweist, weil rein strukturell echte Beziehungen zwischen dem Protagonisten und seiner Umwelt kaum entstehen können; auf der anderen Seite wird dieses Handicap durch eine Art von “Moral” oder “Botschaft” aufgefangen, die den Zuschauer dann doch für manche Durststrecken entschädigt.

MARKTPROGNOSEN:

Als Faustregel für befriedigende, wenngleich nicht herausragende französische Produktionen hat sich immer wieder die Zahl von 100.000 etabliert. “Vertraute Fremde” wird vermutlich deutlich unter dieser Zahl bleiben. Zwar bringt die Schlusswendung die Story dann doch noch zum Glänzen. Doch insgesamt sind die emotionalen Signale, die von der weitgehend einseitig und auch etwas umständlich erzählten Geschichte ausgehen, eher schwach. Insofern wird man vielleicht mit einer Zuschauerzahl von 50.000 + X ausgehen können.

AYLA

Buch: Su Turhan, Beatrice Dossi; Regie: Su Turhan

Mit “Die Fremde” gelang kürzlich ein beachtlicher Erfolg. Dieser Film hat inzwischen knapp 100.000 Zuschauer gefunden, was für ein solch düsteres Drama als großer Erfolg gewertet werden muss. Für den thematisch verwandten “Ayla” ist diese gute Vorgabe einerseits ein Gewinn. Denn das im weitesten Sinne relevante Thema “Ehrenmord” hat somit bereits die Publikumstauglichkeit unter Beweis gestellt. Andererseits müßte “Ayla” wirklich zwingend alternative Wege einschlagen, um das Publikum zum Betrachten eines weiteren thematisch verwandten Films zu animieren.

Für die Analyse von “Ayla” ist der vergleichende Blick auf “Die Fremde” erhellend. In letzterem Film steht der tragische Konflikt ganz klar im Zentrum. Bei “Ayla” hingegen wird eher die Peripherie des Dramas bespielt. Die Titelheldin (Pegah Ferydoni) ist selbst gar nicht das designierte Opfer des Ehrenmordes. Vielmehr spielt HATICE (Sesede Terzyan), die die Ehre ihrer Familie verletzt hat, eher eine Nebenrolle. Damit ist schon von Beginn an die Grundspannung viel niedriger als bei “Die Fremde”. Es steht längere Zeit nicht allzu viel auf dem Spiel, und Ayla selbst steht erst ganz am Ende buchstäblich in der Schusslinie.

Die gesamte Tonalität in “Ayla” ist also leichter, weniger belastet, weniger intensiv – aber dadurch auch beliebiger. Denn Ayla hat gute Möglichkeiten, dem sich anbahnenden Konflikt aus dem Weg zu gehen. Ja sogar Hatice weiß genau, was sie tun will, um sich den Nachstellungen ihrer Familie zu entziehen (warum tut sie dies nicht schon früher?). Die Zwangsläufigkeit, mit der “Die Fremde” auf eine finale Katastrophe hinsteuert, wird hier also umgangen und aufgeweicht. Die Figuren könnten alle auch anders handeln, und insofern erreicht dieser Film nicht die tragische Unausweichlichkeit von des Vergleichsfilms.

Die entscheidende Rolle kommt hier der Liebe zu. Denn Ayla lernt in der Person von AYHAN (Mehdi Moinzadeh) ausgerechnet den zukünftigen potenziellen Mörder ihrer Freundin kennen. Man muss leider sagen, dass hier wenig Geben und Nehmen vorliegt, und sich entsprechend die Liebesbeziehung nicht allzu intensiv entwickelt. Was Ayla und Ayhan innerlich verbindet, wofür sie glühen und was sie vom Leben wollen, erschließt sich nicht wirklich vehement. Eine echte Beziehung entsteht hier nicht – und entsprechend tut man sich als Zuschauer dann schwer, Aylas Gewissensqualen nachzuvollziehen. Sie braucht nicht viel aufzugeben, wenn sie Ayhan verlässt. Ja dass sie so lange nicht merkt, zu welchen Taten ihr Geliebter eigentlich in der Lage ist, mag befremden.

Und gerade insofern ja Ayla nicht mit ihrer Doppelrolle als Kindergärtnerin und verruchter Nachtclub-Garderobiere hinterm Berg hält, wird aus Zuschauersicht Ayhans Verhalten rätselhaft. Einerseits eine Liebesaffaire mit einer Frau, die (aus seiner Sicht) zweifelhaften Neigungen nachgeht – und andererseits sich zum versuchten Mord an der Schwester breitschlagen lassen – wie geht das zusammen? Doch wohl nur dann, wenn tatsächlich Ayhans Doppelmoral im Blickpunkt steht. Doch von seinen eigentlichen Überzeugungen erfährt man viel zu wenig, um ihm näher zu kommen. Eine zwangsläufige Logik, die ihn zum versuchten Mord treibt, ist schwer zu erkennen. Der Druck von Seiten seiner Familie wirkt – gerade im Vergleich zu “Die Fremde” – eher schwach. Ayhan hätte alle Möglichkeit, sich dem Diktat seiner Familie zu entziehen. Warum er es nicht tut, entzieht sich ebenso dem Blick wie die Frage, warum seine Schwester so lange wartet, ehe sie ihren Plan einer Flucht nach Rotterdam wahrmacht.

Insofern entzieht sich in “Ayla” das eigentliche Drama immer wieder unserem Blick. Die Vehemenz, mit der die Protagonistin in “Die Fremde” immer wieder versucht, in ihre Familie zurück zu kehren, fehlt. Und diese verringerte Grundspannung führt insgesamt dazu, dass man “Ayla” eigentlich eher im Fernsehen als im Kino vermutet hätte. Die Radikalität, die eine der Grundvoraussetzungen für Kinoerfolge ist, weicht hier einem eher weichen, versöhnlichen Blick.

MARKTPROGNOSEN:

Insfern “Ayla” an Radikalität und dramatischer Wucht weit hinter “Die Fremde” zurück bleibt, ist der zuerst gestartete Film für den jetzigen sicher ein Nachteil. Dieses Handicap ließe sich nur wettmachen, wenn “Ayla” ganz zwingende, radikal alternative Blicke auf dasselbe Thema entwickeln würde. Dem ist aber nicht so.

Insofern hat es dieser Film am Kinomarkt schwer. Eine starke Mundpropaganda kann sich angesichts der Unentschiedenheit wohl kaum entwickeln. Insofern wäre der Film im Fernsehen grundsätzlich besser aufgehoben. Am Kinomarkt hingegen wären Zuschauerzahlen von mehr als 10.000 schon eine Überraschung.


COCO CHANEL UND IGOR STRAWINSKY

Buch: Chris Greenhalgh; Regie: Jan Kounen

Die Figur der Coco Chanel (Anna Moulalis), wie sie dieser Film entwirft, ist wahrlich faszinierend. Kontrolliert und kontrollierend, vollständig autonom, lädt sie den verarmten Komponisten Strawinsky mit seiner Familie auf ihr Sommerhaus – scheinbar ohne Hintergedanken, generös und gerde zur Familie ausgesprochen warmherzig. Dass sie es schafft, daneben eine Affaire mit dem Komponisten zu beginnen und die Verzweiflung von dessen Frau eiskalt zu ignorieren, ja sogar zu betonen, dass sie keine Schuldgefühle habe,  ist in seiner amoralischen Qualität unbedingt filmisch.

Gegenüber dieser faszinierenden Frau hat ihr Gegenüber, Igor Strawinsky (Mads Mikkelsen), einen schweren Stand. Er ist zu schwach, um ihren Reizen zu widerstehen, und zu schwach, sich von seiner Frau zu trennen oder sonst irgendwelche Entscheidungen zu treffen. Dennoch geht auch von diesem großen, um Nüchternheit und Ruhe ringenden Musiker in dieser Konstellation eine starke emotionale Kraft aus, denn sein Dilemma zwischen zwei Zugehörigkeiten ist das größte.

Zuletzt spielt Strawinskys Frau Katja (Elene Morozova) die Rolle des Bauernopfers, also der Benachteiligten, die als kranke und dem Ehemann ergebene Mutter mit zusehen muss, wie ihr Mann der strahlenden Schönheit von Coco verfällt.

Die Rollenverteilung ist also eindeutig und spannend: auf der einen Seite die Leidende, denen unser Mitgefühl gilt; auf der anderen Seite die beiden Superstars, deren Amoralität befremdet oder auch Gefühle der Ungerechtigkeit herauf beschwört – die aber durch ihre jeweilige ideelle Bindung und die großen Werke, die sie hervorbringen, wieder für sich einnehmen.

Dieses Dreieck wirkt stark und überzeugend, auch wenn sich die Qualität der sexuellen Beziehung nicht so recht erschließt. Echte Gefühle scheinen kaum im Spiel zu sein, und wenn, dann werden sie geschickt verborgen.

Dem Film fehlt es allerdings lange Zeit an einer vorwärts treibenden Spannung. Schwer vorstellbar, dass der mittellose und um Anerkennung kämpfende Komponist wochenlang abgeschirmt von jeder Außenwelt vor sich hinlebt. Die rastlose Ambition des Künstlers, der die Welt erobern will, bleibt ausgespart, und dadurch fehlt die Dynamik, was einige Passagen nur mäßig spannend wirken lässt.

Ab dem Moment jedoch, wo die kranke Katja den Ehemann mit den Kindern resigniert verlässt, verliert der Film seine Dynamik fast vollständig. Denn jetzt ergibt sich für alle Beteiligten eine No-Win-Situation: Coco wird Igor nie für sich gewinnen können; und seine Tage sind daraufhin gezählt. Was bleibt, ist ein absehbarer Machtkampf von gegenseitigen Verletzungen, der sich einfach im Nirgendwo verläuft. Die kranke Ehefrau wäre die spannendere Figur gewesen. Sie einfach zu vergessen, ist dramaturgisch ein Fehler mit Folgen.

Denn die schlussendliche Behauptung, dass die beiden alt gewordenen Künstler das jeweilige Gegenüber als große Liebe nie vergessen, wird zur unglaubwürdigen Behauptung. Dafür, dass beide einander ein Leben lang geliebt oder begehrt haben könnten, bleibt das Geben und Nehmen viel zu schwach. Und das Ausblenden der Schuld an Katja kann im Zuschauer kein echtes Gefühl von Rührung oder emotionaler Beteiligung aufkommen lassen. Insofern vermag “Coco Chanel & Igor Strawinsky” zwar zu interessieren, aber nicht tief zu berühren. Vermutlich bleibt ein großer Teil des Publikums sogar unbefriedigt zurück.

MARKTPROGNOSEN:

Für schwelgerisches Kino dieses Formats existiert ein Publikum, es ist nicht unbedingt sehr groß, aber durchaus zu mobilisieren. Dass erst kürzlich ein Biopic über Coco Chanel herauskam, ist sicherlich eine Beeinträchtigung. Andererseits kommt durch Strawinsky wiederum ein Publikumssegment hinzu, das sich eher für Musik und Kunst interessiert.Insofern sind die Voraussetzungen nicht ganz schlecht.

Der Film dürfte sein Publikum zwar einerseits halbwegs zufrieden stellen – aber einen echten Sog, eine wirkliche Publikumsbindung schafft er durch seine eher kühle und letztlich unstimmige Amoralität wohl kaum. Der dramatische Konflikt ist zwar da, aber er verläuft im Sande und hinterlässt ein schales Gefühl.

Insofern wird man nicht viel mehr Zuschauer erwarten können, als etwa “Klimt” oder “Bach Vs. Friedrich d.Große” und ähnliche mäßig attraktive Künstlerbiografien erreichten – also maximal 50.000. Vermutlich bleibt der Film aber sogar noch deutlich darunter.


CHLOE

Buch: Erin Cressida Wilson; Regie: Atom Egoyan

Vor Jahren kam das französische Original mit Emmanuelle Béart, Fanny Ardant und Gérard Dépardieu unter dem Titel “Nathalie” auf den Markt und erreichte in Deutschland ca. 100.000 Zuschauer. Das kanadische Remake verschiebt die Akzente ein wenig in Richtung lesbische Liebesbeziehung und fügt noch einen heranwachsenden Sohn hinzu, der in der Dreiecksgeschichte eine wichtige und bereichernde Rolle zu spielen vermag.

Die eifersüchtige Gynäkologin CATHERINE (Julianne Moore) setzt das Callgirl CHLOE (Amanda Seyfried) auf ihren möglicherweise untreuen Ehemann DAVID an (Liam Neeson). Die Pointe besteht nun darin, dass Catherine immer mehr den Erzählungen von Chloe verfällt, und lange Zeit nicht klar ist, ob sie sich an den explizit sexuellen Stories der jungen Frau aus homo-oder heterosexueller Sicht erregt. Hier liegt der vordergründige Reiz der Geschichte.

Der ‘human factor’ liegt in der immer mehr gesteigerten Intensität der Beziehung. Zwischen Catherine und Chloe wird auf unterschiedliche Weise eine bis zur Besessenheit reichende Sehnsucht, ein Verlangen wach, welches sich auch durch die körperliche Nähe nicht befriedigen und aus der Welt schaffen lässt. Diese wachsende Bindung und Beziehung verleiht dem Film eine erhebliche Innenspannung. Das Austauschmedium besteht im Geben und Nehmen von sexuellen Stories, die offenbar beide, Erzählerin und Zuhörerin, gleichermaßen erregen.

Doch das eigentlich universelle Thema reicht tiefer: es geht um Kontrolle und Kontrollverlust. Catherine hat ihr Leben scheinbar perfekt eingerichtet. Sie verkraftet es nicht, mit anzusehen, dass ihr Sohn und ihr Mann nicht genau die Rolle spielen, die sie ihnen zugedacht hat. Da bricht die verdrängte Erotik in ihr Leben ein und zieht ihr den Boden unter den Füßen weg.

Dieses Thema wird mustergültig und vom ersten Bild an sehr klar angeschlagen und lässt sich praktisch durch den ganzen Film hindurch verfolgen. Die sexuellen Reize, von denen vordergründig die Rede ist, offenbaren nur die elementare Erfahrung, dass sich im Leben nicht alles planen und arrangieren lässt. Der unwiderstehliche Sog, der Catherine via Chloe erfasst, ist ein Sog zurück zum Leben, zur chaotischen Unplanbarkeit und Unberechenbarkeit von Gefühlen und sozialen Kräften, denen wir unterliegen.

Die thematische Einheitlichkeit, mit der sich das Drehbuch praktisch ausschließlich auf diese Thematik fixiert (z.B. im Bild des Gewächshauses, das genau für diesen Gegensatz zwischen chaotischem Leben und strenger Planbarkeit steht), definiert einen hohen Standard der Dramaturgie. Dem Zuschauer hilft es, wenn er sich sich ganz und gar nur auf EINE  elementare Erfahrung einzulassen braucht(und nicht, wie z.B. in “Vincent will meer”, beständig zwischen Themen zu schwanken).

Freilich wird  der dritte Akt dem Potenzial der Story nicht gerecht. Der Kontrollverlust von Catherine geht nicht weit genug; der Konflikt der Eheleute bleibt platt, und die absehbare Schlusswendung gibt der Geschichte keine neue Wendung, keine Tiefe, keine Abgründe. Eine wirkliche Reifung hat nicht stattgefunden, die Story ist am Ende nicht weiter als zu Beginn (sieht man davon ab, dass Catherine jetzt die Broche der verstorbenen Chloe trägt).

Insofern bietet “Chloe” sehr gutes Unterhaltungskino, aber keine wirklich berührenden oder erschütternden Einblicke.

MARKTPROGNOSE:

Generell fährt man nicht schlecht, wenn man attraktivem, wenngleich anspruchsvollem französischem Kino ein Zuschauerpotenzial von ungefähr 100.000 unterstellt. “Chloe” passt in etwa in dieses Schema. Der Film ist dramaturgisch stärker als der Vorgänger – aber eben auch nur das Remake, wodurch ein Stück weit die Originalität des plots verloren gegangen ist. Von der Attraktivität der Darsteller her war “Nathalie” in etwa gleich zu bewerten. Und wirklich unwiderstehliche Tiefe, die zu einem echten Hit führen könnte, erreichen beide Filme letztlich nicht.

Man liegt also vermutlich nicht falsch, wenn man auch “Chloe” eine Zahl von etwa 100.000 vorhersagt, wobei  es eher vom Wetter abhängt, ob der Film diesen Wert unter- oder überschreitet.

München, 27.4.2010

Roland Zag

Vincent will meer

Buch: Florian David Fitz; Regie: Ralf Hüttner

Die Idee ist nicht neu, aber das braucht kein Nachteil zu sein: VINCENT (Florian David Fitz), MARIE (Karoline Herfurth) sowie ALEXANDER (Johannes Allmayer), jeder der drei mit psychischen Störungen behaftet, reißen aus einer Therapiestätte aus, um nach Italien zu fahren. Allerdings sind sie nicht allzu sehr benachteiligt, weil es ihnen in dem Heim nicht schlecht geht (was sicherlich ein kleiner Schwachpunkt für die Motivation ist). Verfolgt werden sie von der Therapeutin Dr. ROSE (Katharina Müller-Ellmau) sowie Vincents VATER (Heino Ferch). Wir haben es also mit einem Road-Movie zu tun, das in seiner Dramaturgie ganz klassische Forderungen stellt, wie vom Film auch überwiegend erfüllt werden.

In “Vincent will meer” finden sich viele Elemente, die eine positive Zuschauerreaktion ermöglichen. Zunächst haben die drei “Kranken” (dabei versucht der Film  auf angenehm sensible Weise, den Begriff der “Krankheit” zu relativieren) eine gute Austauschebene. Sie lernen den jeweiligen Defekt der anderen kennen und finden so ein kleines Stück weit zu Lösungen für ihre Probleme. Dadurch entsteht auf jeden Fall im Ansatz ein Wandel und eine Reifung der Figuren.

Zwischen Vincents Vater, der zunächst als stereotype Karikatur angelegt ist, und der Therapeutin kommt es zu einer spannenden, mitunter auch witzigen und letztlich befriedigenden Annäherung (die wiederum nicht allzu weit geht, also auch hier in einer guten Balance bleibt). Sozialer Zuwachs ist zu erkennen.

Am wichtigsten ist wohl die Aussöhnung zwischen Vincent und seinem Vater (der übrigens die bei weitem größte innere Entwicklung durchmacht).

Man findet also eine Menge guter Argumente für den Film, der im Augenblick durch die Popularität des Hauptdarstellers zudem sehr gute Karten hat und auf jeden Fall eine gute Performance am Markt abgeben kann.

Doch es gibt Gründe dafür, dass “Vincent will meer” am Ende doch nicht den mitreißenden Sog entfalten dürfte, wie ihn z.B. kürzlich “Friendship!” entfaltete. Einer der Gründe hängt mit der zunächst eigentlich positiven Tatsache zusammen, dass auf ein plattes Happy-End zwischen Vincent und Marie verzichtet wurde – was die Anorexie der jungen Frau verharmlost hätte. Es wirkt generell sicher richtig, wenn Vincent lernt, dass er allein die Probleme von Marie nicht lösen kann, und daher eine platte Liebesidylle der falsche Schluss wäre.

Trotzdem muss dieses Ende  unbefriedigend bleiben, weil Marie am Ende von ALLEN (auch der Therapeutin) allein gelassen wird und sozusagen im Moment des Zusammenbruchs den Preis für den schönen Urlaub aller anderen bezahlen muss. Marie ist gleichsam das Bauernopfer, während die andern alle mehr oder weniger heil davonkommen, und hier liegt doch ein bitterer Nachgeschmack.

Eine gewisse Restschwäche in der gesamten Konstruktion liegt aber auch in dem mangelnden Sog, den Vincents Ziel ausübt. Schon rein äußerlich ist die Motivation, die Asche der Mutter an einem Ort zu zerstreuen, von dem Vincent nicht mal weiß, wo er liegt, nicht allzu stark. (Zum Vergleich: In “Friendship” wirkte die Hoffnung, in San Francisco auf den längst verschollenen Vater eines der Protagonisten zu stoßen, ungleich stärker – und die Auflösung war dann auch deutlich dramatischer).

Doch vor allem innerlich fehlt Vincent das menschliche Potenzial, die Entwicklungsmöglichkeit. Wir erfahren nie, was er EIGENTLICH will, lernen ihn nie als jemanden kennen, der um seine Selbstentfaltung kämpft. Von seinen Traumata erfährt man immer nur indirekt. Abgeschwächt gilt das auch für Marie und Alexander. Daher geht Vincents Wollen nie eben über das titelgebende “Meer” hinaus. Leider bleibt daher die eigentliche Zugehörigkeitsfrage, wie man als “Behinderter” seinen Platz in einer Welt von “Gesunden” findet, weitgehend unbeantwortet.

Ganz generell aber entfaltet das Roadmovie seine ganze emotionale Kraft aber erst dann, wenn die Figuren wirkliche Reifungs- oder Erkenntnisschritte hin zum eigenen Potenzial durchmachen (s. Little Miss Sunshine, wo ALLE Figuren lernen müssen, zu verlieren und damit klar zu kommen). Dieses große, einigende Thema der Selbstentfaltung fehlt hier eher.

So entsteht trotz vieler Stärken und schönen Szenen nicht ganz die Sogkraft, die es braucht, um den Film in die Reichweite von Erfolgen wie “Friendship!” oder gar “Knockin’ on Heavens Door” heranzubringen.

MARKTPROGNOSE:

“Vincent will meer” bietet eine schön dramatisierte, unterhaltsame, dabei melancholisch und sensibel austarierte Story. Viele Potenziale wurden genutzt. Zusammen mit der attraktiven Darstellerriege passt der Film sicherlich gut auf den gegenwärtigen Markt. Den ganz großen Schwung, den ähnliche Vergleichsfilme entfalten, bietet er allerdings nicht.

Daher wird man sich nicht an  den bald 1,5 Millionen, die “Friendship!” inzwischen erreicht hat, orientieren können. Hingegen wird der Film ein Mehrfaches vom entfernt vergleichbaren “Bis zum Ellenbogen” (knapp 100.000)  erreichen, aber auch “13 Semester” vermutlich schlagen (Ca. 160.000).

Daher gehen wir hier von Zuschauerzahlen (je nach Wetterlage) zwischen 250.000 und 300.000 aus.

25.4.2010

Roland Zag



PRECIOUS

Buch: Geoffrey Fletcher, nach dem Roman von Sapphire ;

Regie: Lee Daniels

Der Film bietet vergleichsweise wenig Plot, wenig strukturelle Finessen oder kunstvolle Verflechtungen. Ganz archaisch werden zwei Welten gegeneinander gestellt: auf der einen Seite steht ein an Benachteiligung kaum noch zu überbietendes junges afroamerikanisches Mädchen – es wurde nicht nur zweimal von ihrem Vater geschwängert, wird nicht nur pausenlos von der Mutter gedemütigt, sondern ist am Ende auch noch HIV positiv. Man muss schon fast an eine märchenhafte Überhöhung der negativen Elemente denken. Düsterer geht es einfach nicht.

Auf der anderen Seite aber erfährt diese PRECIOUS (Gabourey Sidibe) von Seiten öffentlicher Stellen und innerhalb der Schule auch eine fast ebenso märchenhafte Form der Unterstützung und Solidarität, so dass sich Schwarz und Weiß, Gut und Böse hier sehr unmittelbar und kaum gemischt gegenüber stehen.

In diesem Spannungsfeld passiert ansonsten äußerlich nicht allzu viel. Der Film folgt der Protagonistin fast dokumentarisch, und über die verstreuten Glücks-Fantasien der Heldin hinaus kommt es lediglich zu einer, allerdings sehr vehementen, Konfrontation. In der groß angelegten Schluss-Szene erfährt Precious von ihrer scheinbar nur bösartigen und übelgelaunten Mutter erstmals die volle Wahrheit. Diese nimmt dann wieder die Schuld von der Frau, die ebenfalls als Opfer kenntlich wird. Die Spirale der Erniedrigung und Beleidigung scheint unendlich – doch Precious schafft es doch, sich (mit Hilfe anderer) daraus zu befreien.

“Precious” braucht keine komplizierte Konstruktion, keine unerwarteten Story-Wendungen. Allein der Lebenskampf des schwer benachteiligten Mädchens reicht schon aus, um ein größeres, durchaus auch junges und vornehmlich weibliches Publikum für sich einzunehmen. Es ist gewissermaßen der ‘human factor’ ganz allein, der diesen Film in Schwung hält: allein die Treue zu sich selbst sowie die Kraft des sozialen Zusammenhalts bewirken eine nachhaltige und bewegende Erfahrung beim Publikum.

MARKTPROGNOSEN:

Die enorme Benachteiligung macht den Hauptteil des ‘human factor’ aus. Dazu kommt der soziale Zuwachs innerhalb der Schulen und öffentlichen Hilfsstellen. Diese Faktoren sowie die wunderbare Hauptdarstellerin reichen aus, um dem Film am deutschen Markt ein gutes Ergebnis zu bescheren, auch wenn er kein allzu kunstvolles Storytelling anzubieten hat.

Der direkte Vergleich mit “Die Friseuse”, der wohl bei 400.000 landen wird, fällt natürlich deutlich zugunsten des Doris-Dörrie-Films aus. Doch irgendwo zwischen der Hälfte und einem Drittel von dessen Ergebnis, also vielleicht zwischen 120.000 und 150.000 Zuschauern könnte das Ergebnis von “Precious” am Ende schon liegen.

Roland Zag

München, 4.4.2010

WAFFENSTILLSTAND

Buch und Regie: Lancelot v.Naso

Die Lieferung von Medikamenten für ein Krankenhaus, das mitten zwischen die Frontlinien geraten ist, dürfte als sozial relevantes Momentum schwer zu übertreffen sein. “Waffenstillstand” startet also unter hochdramatischen und emotional gut motivierten Voraussetzungen und nimmt das Publikum so auf eine  spannende und bewegende Reise mit. Das Thema “Beiträge für andere” ist groß geschrieben.

Damit erhält das deutsche Kino seit langem mal wieder eine politische und internationale Dimension, die man sich häufiger wünschen würde. Der Irak-Krieg ist zwar nicht unmittelbar mit deutscher Beteiligung geführt worden, aber der Blick hinter die Kulissen ist durch die Beteiligung eines deutschen Fernsehteams sowie sozial engagierter Ärzte sicher gut motiviert.

Die persönliche Dynamik innerhalb des Hilfskonvois hat ebenfalls eine gewisse Binnenspannung, insofern RALF (Hannes Jaenicke), der Kameramann, wenig Motivation verspürt, sich mitten in den lebensgefährlichen Brennpunkt der Kampfhandlungen zu stürzen, während  OLIVER (Max v.Pufendorf), der Journalist, Feuer und Flamme für den waghalsigen Einsatz ist. Die sozial engagierte, aber übermotivierte Ärztin KIM (Thekla Reuten) und der erschöpfte, desillusionierte Elsässer ALAIN (Matthias Habich) runden das Ensemble ab.

Man erfährt nicht viel über die politischen Zusammenhänge und Hintergründe, doch der “culture clash” mit seiner explosiven und gefährlichen sozialen Dynamik ist überall spürbar. Zudem wird am Ende das krasse Unrecht des Bombenkriegs, der auch ein Krankenhaus nicht verschont, nochmals emotional wirksam.

Insofern bietet “Waffenstillstand” politisches Kino auf hohem Niveau. Dass der Film dann unterm Strich zwar Spannung und Betroffenheit auslöst, aber vielleicht bei einigen Zuschauern doch kein wirklich tief bewegendes, aufwühlendes Gefühl hinterlassen wird, dürfte an vielen Faktoren liegen.

Zum einen bleiben die eigentlich Betroffenen, also die Iraker, stets außen vor. Sie haben keine eigene Stimme, und auch der Fahrer, der eigentlich mit im Wagen sitzt, darf nicht auf Augenhöhe mit agieren. Insofern bleibt der Blick aufs Geschehen stets ein wenig “von oben herab”. Man kommt der Not der Bevölkerung nur recht pauschal nahe. Auch “John Rabe” litt unter diesem leisen Desinteresse der Retter für die Geretteten.

Schwer wiegt auch, dass der Hilfskonvoi unter zweifelhaften Bedingungen zustande kam. Die Ärztin Kim hat die Journalisten benutzt und belogen und so in Lebensgefahr gebracht. Für Ralf endete dieser Trip tödlich. Diese immanente Schuld von Kim bleibt unbearbeitet und hinterlässt ein zwiespältiges Gefühl: darf man das Leben anderer ohne deren Einwilligung in Gefahr bringen, um andere Leben zu retten? Diese Frage wird nicht gestellt.

Wie überhaupt die Frage nach dem Sinn dieser waghalsigen Einsätze ein wenig zu kurz kommt. Mit welcher persönlichen Motivation betreiben diese Leute ihren Job? Welche existenziellen Herausforderungen bringt der Einsatz mit sich? Wie lässt sich ein Privatleben unter diesen Umständen überhaupt führen? All das bleibt hinter dem vordergründig spannenden Plot eher im Unklaren.

Schade auch, dass ausgerechnet die Figur, die die größte Wandlung durchmacht, nämlich Ralf, am Ende sterben muss. Hingegen ist die innere Entwicklung von Oliver  und Kim kaum zu erkennen.

Zuletzt, und das dürfte vielleicht am schwersten wiegen, beläuft sich der Gewinn (neben einigen geretteten Irakern, die aber anonym bleiben) am Ende lediglich auf ein Videoband. Dass die Schlussbotschaft des Films nur indirekt und medial vermittelt wird, ist sicherlich eine Schwächung. Verglichen mit konkreten szenischen Lösungen unter Menschen erzeugen Videobilder immer eine gewisse Distanz, die die konkrete empathische Einfühlung verhindert. Hätte man die MENSCHEN gesehen, die den Fernsehbericht betrachten, womöglich gar Konsequenzen daraus ziehen – die Schlusswirkung wäre deutlich stärker ausgefallen.

MARKTPROGNOSE:

“Waffenstillstand” bietet eine Art von spannendem und engagiertem Kino, von dem man sich mehr wünschen würde. Insofern erhält der Film am Binnenmarkt sicherlich eine positive Resonanz.

Dennoch hat es der Film am eigentlichen Markt sehr schwer. Die unmittelbar attraktiven Gründe für den Kinobesuch sind rein äußerlich nicht leicht auszumachen. Und im Nachhinein ist die Erfahrung, die der Film hinterlässt, dann doch nicht erschütternd oder prägend genug, als dass sich eine allzu große Mundpropaganda entwickeln dürfte (wie dies etwa im Fall von “Die Fremde” in gewissem Maße geschehen ist).

Man hat an Beispielen wie “Sturm”, “Grbavica”, “Sarajewo” usw. sehen können, dass das Zielpublikum äußerst limitiert ist. Insofern wäre der Film schon mit 20.000 Zuschauern gut bedient. Je nach Wetterlage über Ostern könnte das Ergebnis aber leider noch niedriger ausfallen.

Roland Zag

München, 4.4.2010